Vorbei
Ich ging mit ihm Hand in Hand die Kirschbaum-Allee zum Meer entlang. Die Kirschbäume standen in voller Blüte, überall wohin man auch schaute, sah man die rosafarbenen Blüten. Und dieser Duft erst, der Wind trug ihn überall hin, gemischt mit ein paar Blütenblättern. Zwar war der Himmel mit Wolken verhangen, aber das machte uns nichts. Ich war bei ihm, und das war die Hauptsache. Seine Hand war so weich und warm, ich hätte sie mein Leben lang halten können. Seine Nähe machte meine zerrüttete Seele glücklich. Wenn ich bei ihm war, gab es keine Krankheit. Ich lächelte ihn an. In seinen Augen sah man Trauer, aber auch diesen Ausdruck, den man nicht beschreiben kann. Der Blick voll Wärme und Gefühl. Aber dieses Gemisch aus Gefühlen machte mich irgendwie traurig. Mein Herz schrie innerlich laut auf, wenn ich nur daran dachte. Der Gedanke an meine letzten Stunden schnitt mir weitere tiefe Wunden in die Seele. Ich spürte seinen Blick und dann, wie er sich wieder von mir abwandte. Er dachte das gleiche wie ich, und das wusste ich. „Wieso geht er hier mit mir? Ist nicht jeder Schritt eine Qual für ihn?“, und noch weitere Fragen schossen mir durch den Kopf, aber ich getraute mich nicht, eine davon zu sagen. Aber diese Stille verband uns jetzt irgendwie. Ich fühlte mich geborgen unter diesem stillen Mantel. In der Nähe glitzerte mir das Meer entgegen. Das Meer voller Abenteuer und Geschichten. Vielleicht würde ich auch ein Teil von seiner Geschichte werden. Es wurde leicht nebelig. Der Nebel kroch mir über die Füße, ich spürte aber keine Kälte, ich spürte gar nichts. Jetzt schaute das Landschaftsbild gespenstisch aus, aber doch von unglaublicher Schönheit geprägt. Er drückte meine Hand noch fester. Nicht so, dass es schmerzte, sondern beschützend, also ob er Angst hätte, mich jeden Augenblick zu verlieren. Was ging in diesem Moment bloß ihn seinem Kopf vor? Jeder Schritt brachte uns unserem Ende entgegen. Seine Schritte wurden immer langsamer. Ich hörte direkt, wie sein Herz bis zum Hals schlug und seine Arme zitterten. Jeder von uns musste mal sterben, einige früher, andere später. Wie gern hätte ich ihm das jetzt gesagt, aber meine Kehle war wie zugeschnürt. „Ich glaube, das wäre jetzt das Letzte, was er jetzt hören mochte. Das dachte ich mir jedenfalls. Für einen Menschen, der seinen Liebsten zum Sterben begleitet, muss dies unglaublich schmerzhaft sein. Solche Dinge werden tief in unsere Seelen eingebrannt. Vergessen wird man sie nie können. Es wird zwar Augenblicke geben, wo man sie für kurze Zeit vertreiben kann, aber wenn sie wieder kommen, ist der Schock umso größer. Warum musste er bloß mitkommen. Ich wäre lieber alleine gegangen. Ich wollte mir einfach diesen letzten Wunsch erfüllen. Ein letztes Mal das Meer sehen. Meine Beine wurden schwerer. Die Lebenskraft verlies mich langsam aber stetig. Sein Gesicht wurde blass, als er mich ansah. Wir mussten uns beeilen. Er nahm mich auf seine Arme. Er trug mich den Weg entlang. Es war kein Kunststück, mich zu tragen. So abgemagert, wie ich in den letzten Monaten bin, war es wirklich ein leichtes, mich zu tragen. Jetzt konnte ich direkt in sein Gesicht blicken. Es war wie erstarrt, eine Maske aus Stein, aber seine Augen zeigten alles. Jetzt war der Weg zu Ende, nur eine lange Treppe trennte mich mehr von meinem Meer. Ich roch den würzigen salzigen Geruch, die Frische und das Leben, die in ihm wohnten. „Setzt mich bitte ab, so viel Kraft hab ich noch, bitte!“, flüsterte ich ihm ins Ohr. Er zögerte, doch schließlich ließ er mich los. Langsam trat ich auf den weichen Sand. Es kitzelte ein wenig, aber es war ein wunderbares Gefühl, den warmen Sand zu spüren. Ich schleppte mich mit großem Kraftaufwand zum Punkt, wo das Meer den Sand berührte und setzte mich. Die Wellen streichelten zärtlich meine blassen Füße. Er setzte sich jetzt neben mich. Langsam legte ich meinen Kopf in seinem Schoß und streckte mich aus. Er streichelte mein Haar. Es beruhigte mich zunehmend. Ich hatte keine Angst. Ich spürte nämlich keinen Schmerz. Außer dem Schmerz meines Herzens, der immer stärker wurde. Die Wolken waren jetzt aufgerissen, und die Sonne stand schon tief. Der Himmel war in den wärmsten Farben, die ich je gesehen hatte, als ob er mir ein Tor öffnen würde. Das Meer spiegelte alles noch mal. Die Pforte ins Jenseits. Meine Augen wurden schwer. Bald war es soweit. Bald war alles vorbei. Mein Leben und meine Erinnerungen daran. Ich drehte meinen Kopf zu seinem Gesicht. Er wusste, dass ich ihn verlassen musste, und ich bat um einen letzten Kuss. Meine Lippen waren schwach und blass, und seine warmen Lippen berührten mich. Diese Berührung werde ich nie vergessen. Mit meinem letzten Atemzug sah ich, dass seine Augen glitzerten, voll Tränen und Trauer. Eine einzelne Träne verlor sich von seinem Gesicht auf meines. Doch sein warmer, beschützender Blick blieb mir bis in alle Ewigkeit. Es war vorbei.
Sie lag regungslos hier in meinen Armen. Das Gesicht blass und ohne jede Gefühlsregungen. Die Augen geschlossen. Man könnte denken sie schläft aber die Brust hebt und senkte sich nicht. Sie lag einfach da. Was sollte ich jetzt tun? Sie zurück tragen oder hier noch mit ihr einsame Stunden verbringen und meiner Trauer Luft machen. Tränen flossen mir über das Gesicht und tropften auf ihr zartes Gesicht. Langsam strich ich ihr darüber. Früher lächelte sie mich immer an wenn ich das machte und jetzt?? Könnte ich die Zeit zurück drehen. Aber was würde das schon ändern?? Ihre Krankheit wäre immer da selbst wenn ich bis zu ihrer Geburt zurückdrehen würde. Sie lebte mit ihrer Krankheit bis jetzt. Sie war fröhlich bis jetzt. Bis zu ihrem letzten Atemzug. Ihre Familie behandelten sie mit äußerster vorsieht immer. Wie ein Schmetterlingskind. Sie war auch irgendwie ein Schmetterling. Einer von der Sorte den Wirbelstürmen trotzt. Stark, ja so konnte man es auch sagen. Aber nicht stark genug. Denn sie liegt ja jetzt hier. Aber sie ist nicht mehr hier. Nie mehr. Langsam hob ich sie hoch. Ihre Hand baumelte einfach so in der Luft herum. Ich biss mir auf die Unterlippe und setzte sie nochmals ab. Meine Hände zitterten. Hatte ich nicht schon genug getrauert um sie? Ein Heulkrampf übermannte mich. Ich kniete neben ihr und weinte. Warum? Wütend schlug ich meine Faust in den Sand. Ich fühlte mich verlassen und hilflos. Ich konnte nichts mehr für sie machen, ich konnte nur zusehen. Ich schrie laut und es kam von allen Himmelsrichtungen zurück. Die Sonne war fast Untergegangen und überall um mich herum war Nebel. Ich musste sie zurück tragen und nicht hier liegen lassen bis ich fertig war von meinem Selbstmitleidgelage. Noch einmal versuchte ich sie anzuheben doch ich konnte nicht. Wieder brach ich in Tränen aus. Wie schwach war ich den? Sie hatte keine Angst vor dem Tod und ich?? Ja was war ich?? Was bin ich?? Was bin ich ohne sie?? Ich starrte sie an. Es könnten Stunden gewesen sein oder auch Minuten ich weiß es nicht. Wieder probierte ich es und hob sie hoch. Ich kann sie nicht ansehen. Nein das kann ich nicht. Meinen Blick starr gerade ausgerichtet ging ich los. Ich klammerte mich regelrecht an sie. Lebendige hätten bestimmt vor schmerzen geschrieen. Ach meine Geliebte, mein Schatz, mein Leben. Warum musste es so mit uns Enden?? Ohne Ehe, ohne Familie, ohne gemeinsames Alt werden, ohne gemeinsames Sterben. Ich musste es dir versprechen weiter zu Leben. Stark zu sein. Fröhlich zu sein. Wie konnte ich das je versprechen?? Ich möchte zu ihr. Ich möchte mit ihr leben. Nicht ohne sie. Ich stand jetzt wieder am Ausgang der Kirschblüten Allee. Bis hier hin bin ich mit ihr noch Hand in Hand gegangen. Bis hier hin und nicht weiter. Ich setzte mich zusammen mit ihr in meinen Armen hin und griff nach meinem Handy. „Du Vater, . . . . es, es ist Vorbei.“