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Aurum

Die Sonne versank im trüben Grau irgendwo in San Diego, Kalifornien. Das Apartment war in ihr sterbendes Licht getaucht und badete alles in sachtem Orange, so dass die Unordnung im Wohnzimmer viel romantischer wirkte als es für gewöhnlich der Fall gewesen wäre.
Inmitten von einem Meer aus leeren Zigarettenschachteln, halb gerauchten Kippen, kleinen Pappkartons schlechter chinesischer Schnellrestaurants und einer Menge technischer Spielereien, stand eine verblichene hellgrüne, geflickte Couch. Sie tendierte leicht zur Seite; eines der Beine fehlte und das Buch, welches an dessen Stelle in den Spalt zwischen Boden und Sofa geschoben worden war, kam nicht ganz an die Höhe des Beines heran, das es ersetzte. Es gab einen kleinen Tisch am anderen Ende des Raumes, auf dem eine kaputte Mikrowelle thronte. Daneben befand sich ein kleiner Kühlschrank, dessen Brummen beständig den Raum erfüllte.
Auf der Couch, faul auf einem Gameboy mit leicht eingerissenem Bildschirm herumtippend, lag ein schlaksiger Junge von nicht mehr als zwanzig Jahren. Die Zigarette in seinem Mundwinkel ließ Asche auf sein dunkelblaues, verwaschenes Shirt rieseln und war im Eifer des Gefechts, der Beste zu werden, der niemals jemand vor ihm war, dass sich auf der Konsole in seinen Händen abspielte, lange vergessen worden.
Ein Lächeln schlich sich auf die Lippen des Jungen, als ihm die unbändigen Strähnen und Locken seiner Haare über die orangenen Gläser seiner Fliegerbrille fielen. Er unterbrach sein Spiel nicht und versuchte stattdessen, die lästigen Haare aus seinem Gesicht zu pusten, jedoch ohne viel Erfolg. Am Ende ergab er sich schlichtweg seinem Schicksal und ließ zu, dass ihn die dünnen Strähnen an der Nase kitzelten. Sie aus dem Gesicht zu streichen würde sowieso zu viele Mühe machen.
Inzwischen war die Sonne fast vollständig untergegangen, das hellste Licht im Raum war das grünliche Flimmern des Gameboys. Mit einer Hand weiterspielend, griff der Junge unbeholfen hinter sich und tastete nach dem Lichtschalter. An manchen Tagen funktionierte dies ohne Aufwand ganz vortrefflich, an anderen wiederum nicht. Heute schien keiner dieser glücklichen Tage zu sein. Der Junge runzelte zwar die Stirn, machte allerdings keine Anstalten, aufzustehen und das Licht anzuschalten. Er würde es tun, wenn ihm die Augen ausreichend schmerzten.
Plötzlich unterbrach das schrille Klingeln eines Handys die friedliche Geräuschkulisse des Stadtverkehrs-und der spielinternen Geräusche. Gereizt, da er sein Spiel unterbrechen musste, setzte sich der Junge auf und blinzelte in die Dunkelheit des Raumes. „Verdammt“, murmelte er, nahm sich die Zigarette aus dem Mund und drückte diese auf der Couch aus, etwas, was er in letzter Zeit immer häufiger tat.
Er griff nach unten und tastete mit der Hand im Durcheinander des Bodens, bis er fand, wonach er suchte. Die Nummer auf dem Display seines Handys war unbekannt. Die Stirn runzelnd nahm er den Anruf entgegen, schaltete den Lautsprecher an und wartete, längst wieder in sein Spiel vertieft.
Für einen Moment war es still, dann erklang ein leises Knistern, vielleicht Feuer, dann ein heiseres Husten; all das wurde von dem Jungen nicht im Geringsten registriert, bis am anderen Ende der Leitung eine schwache Stimme ertönte, eine, die der Junge nur zu gut kannte. Er hatte sie oft genug in seinen Träumen gehört.
„Elias.“
In diesem Augenblick schaltete der Junge, Elias, die Konsole in seinen Händen augenblicklich aus und richtete seine gesamte Aufmerksamkeit auf das kleine Mobiltelefon vor ihm. Aurora.
„Wenn du deine Nummer geändert hast, bin ich geliefert“, ein trockenes Lachen, dann ein weiterer Hustenanfall. Die Stimme klang zerlumpt. „Ich hätte früher anrufen sollen.“ Ein leises Wimmern.
Dann ein Würgen. Lärm. „Gott, diese Schießerei. Ich seh' aus wie Jagdwild.“
Der Rest des Anrufes war für Elias gar nicht mehr relevant. Kaum war das Wort Schießerei gefallen hatte er nach seinem Laptop gegriffen und sich binnen von Sekunden an die Aufgabe gemacht, die Rufnummer zurück zu verfolgen, die Position des Anrufers ausfindig zu machen und zu triangulieren. Es war einfach. So einfach, dass er hätte lachen können. Die Nummer war zwar unbekannt, aber die Position des Anrufers war sehr nah. So nah.
„Du könntest wirklich mal etwas sagen, Idiot.“ Die Stimme wimmerte weiter vor sich hin, aber Elias hörte nur noch mit einem Ohr zu, während er nach seinen Autoschlüsseln suchte, dabei das Chaos auf dem Boden durchwühlte und sich mit seiner anderen, freien Hand die schweren Stiefel anzog. Er musste wirklich etwas Ordnung in diese Desorganisation bringen, sobald er die Zeit dazu fand. „...Oder du hältst einfach den Mund, ist wahrscheinlich auch besser so.“ Ein Husten. „Gott, du bist wahrscheinlich unendlich wütend auf mich, ich weiß wirklich nicht, weshalb du überhaupt abgehoben hast.“ Flache Atemzüge und ein leises Lachen. „Aber hey, ich bin froh, dass du es getan hast.“
Endlich fand Elias die dummen Schlüssel in einem Gewirr von Wäsche, schlüpfte in seine Jacke und verstaute eine Schachtel Zigaretten in der hinteren Tasche seiner Jeans. „Ich dachte - gut, ich glaube du solltest wissen dass...", er warf einen weiteren Blick auf den Computer, um sicherzustellen, dass die Koordinaten richtig waren und war durch die Tür verschwunden, noch ehe der Anruf beendet war. Das Klicken des Schlosses hallte durch das Apartment.
„Du solltest wissen...“, ein weiteres statisches Zischen, „...dass es eine gottverdammte Schießerei gebraucht hat, damit ich erkenne, dass ich dich verdammt nochmal liebe, Elias Lithgow.“