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Elias

Manchmal frage ich mich, ob die Leute, wenn sie wüssten, dass sie sterben müssten, ihr Leben anders leben würden. Ob der gestresste Ehemann; ein Arbeitstier von Mensch, früher aus der Firma kommen und mit seiner Familie zu Abend essen würde? Ob die Hausfrau die Wäsche für einen Tag lang liegen lassen würde, um etwas mit ihren Kindern zu unternehmen? Würden die Menschen noch immer in dieser Welt verkümmern, um die Akzeptanz der Gesellschaft bettelnd, die zu kalt und zu gefühllos ist, um sich an ihre Namen zu erinnern?
Ich weiß was passieren wird, wenn ich sterbe. Ich bin ein unvollendeter Satz, ins Nichts und Nirgends treibend. Niemand wird meine Geschichte lesen oder sich an sie erinnern – es gibt nichts von Substanz an meinem Leben, zumindest nicht in den Augen der restlichen Welt. Ich bin kein Verlust.
Sie denkt, dass ich dies nicht erkenne. Ein schlechter Scherz; wir sind beide Genies, sie sollte es besser wissen. Manchmal denke ich, dass Aurora wirklich blind ist. Sie hat so viel Potential, aber ihr Ehrgeiz macht sie verwundbar. Ihre Leidenschaft macht sie zwanghaft, verbissen. Ihr Eifer macht sie zu einer Kraft ohne Ziel, ohne Richtung; eine Naturkatastrophe die nur darauf wartet, zu verwüsten. Der Rest der Welt ist ihr Gegenpol; besonnen, berechnend und kühl. Ich hingegen bin schlichtweg ein Kind mit zu viel Zeit und zu wenig Fokus.
Wenn sie glaubt, ich würde es lebendig aus dieser Sache heraus schaffen, ist sie ein idealistischer Narr. Und wenn sie glaubt es sei besser, mir nicht von meinem bevorstehenden Tod zu erzählen, dann ist sie noch immer ein Narr, ein egoistischer und eigennütziger noch dazu. Sie denkt wahrscheinlich ich würde weglaufen, mich verstecken; in meine Videospiele flüchten, die ich so sehr liebe. Ich wette sie denkt, ich hätte Angst.
Ich bin nicht wie Aurora. Ich denke man könnte sagen, dass sie und ich polare Gegensätze sind. Jedoch würde ich mich dadurch gleichzeitig mit dem Rest der Welt vergleichen, und das möchte ich nicht.
Aurora hat eine Art, sich auf andere zu zwingen – es gibt keinen Weg, ihr aus dem Weg zu gehen, wenn sie will, dass man ihr zuhört. Ihr Blick ist durchdringend, so als würde sie durch einen hindurch sehen und alles entdecken, was einen bewegt. Ihre Augen sind wild; blau wie der Himmel, nie wirklich ein Anfang aber auch nicht das Ende. Ich mag es nicht, Blickkontakt mit Menschen aufzunehmen. Es ist zu direkt. Aurora sagt, ich würde mich hinter meiner Taucherbrille verstecken, ich aber behaupte, dass die Welt viel freundlicher sei, getaucht in Gold.
Aurora ist auffällig. Sie lebt von der Anerkennung eines jeden Paar Augen im Raum. Viktor, unser Mathematikprofessor, besaß einmal die Frechheit mir zu sagen, dass ich in Auroras Schatten lebe. Ich sagte ihm, dass es ein ziemlich großer Schatten sei und dass es mehr als nur genug Platz für mich gebe. Ich bin nicht feige; ich mag es bloß nicht, meine Zeit für unnütze soziale Interaktionen zu verschwenden. Das Rampenlicht ist mir unangenehm und ich bin froh, von mir behaupten zu können, dass ich nie Aufmerksamkeit auf mich ziehe. Niemand findet den Computerfreak, der mit furchtbar schlechter Haltung über seiner Handheldkonsole kauert, besonders faszinierend oder anziehend - ich hatte noch nie eine Freundin, wahrscheinlich aus eben diesem Grund. Ich hatte nie das Gefühl, als würde ich irgendwas verpassen.
Jede Spekulation darauf, dass ich ein Teil der Mafia sei, ist ein Witz. Mir fehlt die ernsthafte Motivation für den Aufwand, den man braucht, um einen Groll gegen Menschen zu halten und im großen Stil gegen diese zu agieren. Ich bin einfach nur „Der Hacker den Aurora kennt.
Aurora vertraut mir, in der Regel, und weiß genau, dass ich sie nicht hintergehe. Das wäre viel zu viel Aufwand.
Eine weitere Eigenschaft, die meine Gesellschaft und mich nützlich macht, ein mein Mangel an Moral. Ich bin immer gut für meine Arbeit bezahlt worden. Es hat mich nie gestört, für das Zerstören der Leben von Anderen bezahlt zu werden. Ich stelle keine Fragen; warum sollte es einen Unterschied machen, wessen Identität ich gerade gestohlen oder welches Sicherheitssystem ich ausgeschaltet habe. Mein Gewissen schläft bei den Fischen.
Ich habe nie gesagt, dass ich ein guter Mensch bin. Eigentlich bin ich so ziemlich das Gegenteil davon. Ich tue keine Buße. Wenn ich sterbe – was bald sein wird – dann weiß ich, dass ich das Elysium nicht sehen werde.



Feuer. Überall ist Feuer. Rot, orange, gelb und sogar blau – und der zehnjährige Elias Lithgow hat noch nie etwas von blauem Feuer gehört. Aber es ist da; züngelnde, blaue Flammen peitschen um ihn herum und der kleine Junge stolpert rückwärts, weg, weg von all dem Feuer, aber er kann nirgendwo hin. Es ist überall um ihn herum und verschlingt sein Zuhause, verspeist seine kostbarsten Besitztümer; den kleinen braunen Teddybären namens Cloud, seine Bücher. Die Bücher. Das Feuer frisst die Vorhänge seines Kinderzimmers und Elias versucht zu schreien, seine Stimme zu finden, aber kann stattdessen kaum atmen.
Das Poltern seiner Zimmertür ist wie ein Aufbrüllen; ein krachendes und abruptes Geräusch, das in seinen Ohren widerhallt. Aber es ist in Ordnung, denn dort steht sein Vater, dessen Augen von einer orangen Schwimmbrille vor dem Rauch geschützt werden – doch das weiß Elias nicht. Alles was Elias weiß ist, dass sein Vater aussieht wie ein Depp in seinem violett gestreiften Schlafanzug und mit der blöden Brille, die ihm viel zu eng ist. „Du kannst doch nicht durch Flammen schwimmen, Papa“, ist, was er sagen will, doch der Qualm schnürt ihm die Luft ab. Sein Vater nimmt ihn in seine starken Arme; hält ihn fest an sich und haucht ihm einen Kuss auf die Wange. „Du bist jetzt in Sicherheit, Elias. Ich hab dich.“
Sie stürzen aus dem Kinderzimmer in den Flur. Elias spürt den Herzschlag seines Vaters, er wird immer schneller und stärker, und er hört das Pochen seines eigenen Herzens durch seine Ohren pulsieren; ein dumpfes, lautes und unregelmäßiges Poltern. Und alles ist so heiß; so unerträglich heiß, viel zu heiß für Dezember. Das Feuer greift nach den Beiden, lange, flackernde Arme, die versuchen, Elias und seinen Vater auseinander zu reißen. Der kleine Junge klammert sich fester an dessen verschwitzten Hals. Die Decke stürzt langsam aber sicher über ihnen ein und sein Vater flucht, als die beiden ihr Ziel fast erreicht haben. Die Haustür ist gleich da drüben. Sie sind fast da.
Ein schriller, durch Mark und Bein gehender Schrei ertönt aus irgendeiner Ecke dieser Hölle die einst das Heim einer dreiköpfigen Familie war. Sein Vater stolpert, aber Elias bemerkt dies kaum. Alles, woran er denken kann, ist Mama. Mama, Mama, Mama. Mama, die dort oben irgendwo in ihrem wunderschönen grünen Kleid weint und schreit, das sie auf der Weihnachtsfeier getragen und perfekt auf ihre Augen abgestimmt hatte. Plötzlich erkennt Elias, dass er seine Stimme wiedergefunden hat; und er schreit, schreit nach seiner Mutter und sein Vater strauchelt und zögert und schwitzt. Nur den Bruchteil einer Sekunde später hat er sich die dumme, orangene Schwimmbrille von Kopf gerissen und sie Elias auf die Augen gedrückt. Sie ist ihm ein wenig zu groß, aber es ist besser als nichts. Die Beiden erreichen die Tür, sein Vater schubst Elias vorwärts, immer weiter. „Bring dich in Sicherheit“, hustet er, doch Elias hört ihn kaum, klingen ihm doch noch immer die Schreie seiner Mutter in den Ohren. Ein weiteres sachtes aber bestimmtes Schubsen später und Elias stolpert aus der Tür und er rennt, rennt so schnell er kann, bis er bemerkt, dass sein Vater ihm nicht folgt, und er stolpert und fällt. Und sitzt im tiefsten Schnee, das sachte Glühen orangener, lodernder Flammen im Gesicht. Die Welt ist in tiefste Dunkelheit getaucht – kein einziger Stern erleuchtet das Himmelszelt, und nur sein Zuhause; sein Leben, verbrennt und zerfällt in knisternden Höllenschwaden vor seinen Augen und färbt alles rot.
Die Nachbarn haben sich draußen versammelt, zeigen und kreischen wegen der riesigen Flammen. Das Feuer springt und tanzt in den Himmel, als wollte es mit dem der Sterne konkurrieren, die vom Nachthimmel verschwunden sind; sich in Sicherheit gebracht haben. Das Schrillen von Sirenen schneidet durch die Luft und Elias hört wie die Leute um ihn herum durcheinander flüstern. „Weshalb hat das so lange gedauert?“, zischt ein Mann erzürnt. „Diese armen Leute...“, wimmert eine Frau. „Ist das der Junge?“.
Ja, es ist der Junge, und er kann nur zusehen, wie sein Zuhause, sein sicherer Hafen, vor ihm einstürzt und die Trümmer in sich zusammen fallen.
Die Welt ist orange. Gefesselt von der Farbe des Feuers.

Es dauert die ganze Nacht, bis die Flammen vollständig gelöscht sind. Die züngelnden Flammen weichen dem kalten Licht der Sterne, welche vorsichtig hinter den Wolken hervor lugen. Elias sitzt in den Trümmern, in dem, was von seinem Zuhause, seinem Leben übrig ist, im Schnee und starrt auf die schwarzen Ruinen. „Wo sind eigentlich Mama und Papa?“, murmelt er und ein vorbeilaufender Feuerwehrmann erschrickt leicht. Niemand hatte den Jungen sprechen hören, seitdem er aus dem brennenden Haus getorkelt war. Niemand hatte den Mut fassen können, um ihm zu sagen, dass seine Mutter und sein Vater fort waren; einfach verschwunden.
Elias, aber, ist schlau. Sehr, sehr klug, hat er dies doch bereits herausgefunden. Er braucht es lediglich zu hören, da sein intelligenter Kopf diese Tatsache ablehnt; sie nicht akzeptiert, bis jemand anderes sie in Stein meißelt; ausspricht, dass Elias Lithgow jetzt ein Waisenkind ist.
Er sitzt dort im Schnee, seit Stunden, und scheint offenbar kaum zu bemerken, wie sein Hunger und seine Müdigkeit an seinen Kräften zehren. Er beobachtet, wie die Feuerwehrmänner den Schutt durchsuchen und