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Aurora

Auch wenn sie nur sieben Jahre alt ist, glaubt Aurora Yvette, das alles, was sie tut, nicht einmal ansatzweise gut genug ist.
Sie kann ganz fantastisch tanzen; sie kann schwimmen wie keine andere, ihre Noten sind für ein Kind ihres Alters makellos und auch ihre Kampfkünste verbessern sich von Tag zu Tag. Sie kann Mozart und Beethoven auf dem Klavier spielen und las Bücher, die weit über denen für ihr Alter empfohlenen lagen. Ihr Wortschatz ist sehr anspruchsvoll. Sie ist ein Genie.
Aber das ist auch ihr Bruder.
Der fünfzehnjährige Caius ist ein international bekannter Tänzer. Er hat jede seiner bisherigen Klassen als Jahrgangsbester absolviert. Er trägt rote Gürtel in drei verschiedenen Kampfkünsten. Er spielt auf der Geige Ouvertüren; sucht in seinen adretten Anzügen die Konzertsäle der Stadt auf und die Scheinwerfer strahlen mit seiner Herrlichkeit um die Wette. Er liest Kafka und Dostojewski.
Aurora hasst ihren Bruder.
Sie hasst seine zerzausten, blonden Haare und seine hypnotischen, smaragdgrünen Augen. Sie hasst seine ansehnliche Statur, seinen federnden Gang; während Aurora von gar niemandem wirklich ernst genommen wird. Mit ihren langen, blonden Haaren, eisblauen Augen und ihrer schmächtigen, zerbrechlichen Figur, wirkt Aurora wie eine Puppe aus Porzellan; ein dummes, kleines Mädchen, das immerzu auf die Hilfe anderer angewiesen ist. So viel lieber wäre Aurora ein Junge geworden; und wenn sie bloß so aussähe wie einer, das wäre ihr doch schon genug. Aber ihre störrische Mutter will ihr die Haare nicht schneiden, weil sie denkt, dass diese sie aussehen lassen wie ein Engel, wie der Engel, nach dem sie benannt wurde. Aurora. Die Zwillingsflamme des Erzengels Uriel.
Aurora hasst Engel.
Es gibt eigentlich nicht viel, das sie nicht hasst. Sie hasst ihre Lehrer, dafür, dass sie sie auf ihre Fehler aufmerksam machen. Sie hasst die anderen Kinder in ihrer Schule, die sie nicht ernst nehmen und sich über ihren mickrigen Körper lustig machen. Sie hasst den Direktor und die Art, wie dieser jedes Mal seinen Kopf schüttelt wenn Aurora mit einem blauen Auge und einer geschwollenen Wange in seinem Büro auftaucht, während das jüngste Opfer noch im Zimmer der Schulkrankenschwester sitzt. Sie hasst es, dass ihr neuester Ruf der einer ungezügelten Göre ist, die schnell rot sieht und ein hitziges Temperament besitzt. Doch am meisten hasst sie sich selbst.
Denn nichts, was sie je tut, ist gut genug. Vor allem nicht für ihren Vater.
Oskar Yvette ist ein Mann mit gehobenen Lebensstandard. Wie hätte er seine Kinder sonst zu solchen Genies erziehen können? Er hatte sie dazu gedrängt sich selbst, in allem, was sie taten, zu übertreffen. Denn ein Fehlschlag, egal in welchem Bereich auch immer, oder etwas anderes als unangefochtene Perfektion bedeuteten meist den ein oder anderen Hieb mit einer Gürtelschnalle auf den Rücken oder eine Woche ohne Abendessen. Jahre als Soldat, dann als Chef der Polizeistation Kuhmos, hatten Oskar zu dem gemacht, was er heute war. Dieser Mann will das Beste für seine Kinder und von seinen Kindern.
Oskar Yvette ist Auroras Held; der Mann, der sein Land mit seinem Leben beschützt hat und dies noch immer tut, der mit einem kühlen Kopf etwaiges Problem übersteht und löst, der strahlt durch unzweifelhafte Autorität und Intelligenz. Der scheinbar nur Caius zu sehen scheint.
Sooft kehrt Aurora von der Schule nach Hause zurück, aufgeregt winkend mit perfekten Testergebnissen in ihren Händen, nur um ihren Vater schon von weitem für den die Violine spielenden Caius klatschen zu hören. Wenn Aurora mit unnachahmlicher Präzision ein Holzbrett zertrümmert, hat Caius dutzende Hohlblocksteine mit den Fäusten zerschlagen. Wenn Aurora es endlich, endlich schafft, Mozarts Menuett fehlerfrei zu spielen, so ist Caius doch schon längst auf dem Weg zu den nächsten Landesmeisterschaften.
Caius hat seine Schule in Debatten und Konferenzen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene vertreten, während Auroras Hitzkopf ihr jegliche Chance auf einen Platz in der Schülervertretung genommen hat. Caius dagegen ist Präsident des Schülerrates. Er ist die Art von Perfektion, die Oskar Yvette sich wünscht. Aurora ist nur die zweite Wahl; die Zweitbeste.
Und wenn sie nur die zweite Geige ist, dann könnte sie genau so gut auch einfach gar nichts sein.

Natürlich gibt es Zeiten, in denen Oskar der jungen, ambitionierten Aurora den Kopf streichelt, auf sie hinab lächelt und sie liebevoll seine Tochter nennt. Zeiten, in denen Oskar Aurora auf die Schultern nimmt und sich mit ihr im Kreis dreht oder sie zu Bett bringt und ihr vorliest.
Doch all dies ist nicht genug, um die Wertschätzung, welche Oskar für Caius hegt, zu übertreffen.
Und so versucht Aurora es weiter.

Eva Yvette hat immer wieder versucht, das junge Mädchen zu trösten, versucht, sie davon zu überzeugen, dass sie in den Augen ihres Vaters nicht nichts ist. Sie hängt Auroras Urkunden eingerahmt an die Wand; direkt neben die von Caius. Sie stellt ihre Preise in derselben Vitrine aus. Sie kocht Auroras Lieblingsessen, wenn diese mit guten Noten nach Hause kommt. Sie bringt ihre Tochter zum Klavierunterricht, jeden Tag. Aber Evas Worte und Taten bedeuten für das junge Mädchen nichts. Es ist nicht ihr Lächeln, welches sie versucht für sich zu gewinnen. Es ist nicht ihre Hand, die sie auf ihrer Schulter will. Denn am Ende, ist Eva, ihre Mutter, nun mal nicht ihr Vater.

...

Die achtjährige Aurora Yvette wacht mitten in der Nacht durch das penetrante Klingeln des alten Telefons im Zimmer ihrer Eltern auf. Sie umarmt ihr Knie und zieht die Bettdecke fest um ihren zierlichen Körper als sie hört, wie Oskar seiner Frau eindringlich erklärt, dass er von seinen Kollegen gebraucht wird um einen besonders schwierigen Fall in den Griff zu bekommen und wohl eine Weile fort sein wird. Das kleine Mädchen wird von einer Welle des Stolzes übermannt. Ihr Vater ist stark; so, so stark und verantwortungsvoll. Ihr Vater ist die wunderbarste Person, die Aurora kennt.

Ihr Vater kommt nicht zurück.

...

Es gibt zwei neue Dinge auf dieser Welt, die Aurora hasst. Die erste ist der Tod. Die zweite ist ihr Vater. Aurora Yvette hatte ihr ganzes Leben einzig und allein dem Ziel verschrieben, die Anerkennung ihres Vaters zu erlangen; und wenn auch nur einmal. Doch Oskar Yvette starb, bevor dies passieren konnte. Oskar starb und hinterließ eine trauernde Frau und zwei Kinder, von denen Caius noch immer das bessere der beiden war.
In der Woche nach seiner Beerdigung verlässt Eva das Haus und kommt mit zerzausten Haaren, einem seltsamen Lächeln auf dem Gesicht und einer Tafel Schokolade zurück, welche sie Aurora gibt, ihr über den Kopf streicht und dann in ihrem Zimmer verschwindet. Und nie wieder herauskommt.
Ein Jahr lang bringt die pflichtbewusste Aurora ihrer Mutter das Frühstück ans Bett, ehe sie sich auf den Weg zur Schule macht und kocht das Abendessen, sobald sie wieder nach Hause kommt. Ein Jahr lang starrt sie in die gläsernen Augen einer einst wunderschönen Frau und hört das geistlose Kichern und Gemurmel jener Mutter, die Wirklichkeit nicht mehr von Erinnerungen zu trennen weiß. Aber Aurora kann es nicht über das Herz bringen, sie zu hassen. Und es ist in Ordnung, es nicht zu tun. Caius hasst sie genug für beide zusammen. Und das bringt Aurora dazu, ihn nur umso mehr zu verachten.

Am dreizehnten Dezember wird Aurora neun Jahre alt. Sie bekommt eine sich übergebende Mutter, einen lieblosen Gruß von ihrem großen Bruder, eine schlechte Note für ihren Geschichtstest und einen Schlag ins Gesicht vom russischen Austauschschüler Vladimir Kuznetsov. Sie erträgt alles, abgesehen von der Prügel ihres Mitschülers, und zahlt es diesem dreifach zurück. Der Kampf endet mit einer gebrochenen Nase für den heulenden Vladimir und zwei blauen Augen wie einem gebrochenen Finger für Aurora. Nachdem die Schulkrankenschwester ihre Wunden verarztet und ihre Akte überprüft hat, entdeckt sie, dass heute ihr Geburtstag ist und schenkt ihr eine Tafel Schokolade.
Die Krankenschwester, deren Name Freja ist, staunt nicht schlecht, als das kleine, auf dem Krankenbett sitzende Mädchen wie ein ausgehungerter Wolf über die Süßigkeit herfällt und sie binnen von Sekunden verspeist als hätte sie seit Wochen nichts gegessen. Es ist das erste, was Aurora in drei Tagen zu sich nimmt und die Schwester schenkt ihr zwei weitere Tafeln, welche ebenso schnell verschwunden sind wie die erste. Als die Tür sich hinter Aurora schließt wirft Freja einen weiteren Blick in ihre Akte und weiß sofort, dass ein Kind, wie sie es ist, nicht an einen Ort wie diesen gehört.
Aurora schließt die Tür der Krankenstation und umklammert mit ihrer verbundenen Hand die mittlerweile vierte Tafel Schokolade, die sie von der Krankenschwester bekommen hat. Es war ihr nie bekannt, dass Schokolade so gut schmecken konnte, aber hiton, jetzt ist sie süchtig.
Sie stiehlt eine weitere Tafel aus einem nahegelegenem Supermarkt und macht sich auf den Weg nach Hause.

Eine Woche nach ihrem neunten Geburtstag öffnet Aurora die Tür zum Zimmer ihrer Mutter um drei leere Tablettenblister, einen dunklen Flecken auf dem Teppich; vermutliche Erbrochenes, und eine tote Eva vorzufinden. Sie schreit nicht, starrt nur auf den fragilen, unbeweglichen Körper ihrer Mutter. Sie setzt sich auf den Boden und starrt; starrt während ihr Verstand zu begreifen versucht dass die einzige Person, für die sie jemals gut genug war, jetzt fort ist.

Caius kommt nicht nach Hause.

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Anmerkung: „Hiton“ ist finnisch für „gottverdammt“.