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Kerberos

Elias

Mir frustriert die Schwimmbrille vom Kopf ziehend biss ich mir auf die Unterlippe, die Finger wütend auf die Tasten des Gameboys drückend.
Ein hohles Klopfen ertönte von der Tür, welches ich gekonnt ignorierte, oder viel mehr, kaum wirklich registrierte; viel zu sehr war ich in mein Spiel vertieft. Ein Spiel, das ich gerade haushoch verlor.
Das höfliche Klopfen entwickelte sich schnell zu einem penetranten Schlagen, das zunehmend ungeduldiger wurde. Letztendlich, verlor ich. Gerade wollte ich mich der bittersüßen Mischung aus Enttäuschung und neu entfachtem Ehrgeiz hingeben, als mich ein sonores Poltern auffahren ließ. Hatte da gerade etwa jemand gegen meine Tür getreten? Meine Augen wanderten von meinem Schreibtisch über den abgewetzten Teppich, vorbei am Schrank zur Tür. Die Tür. Jemand schlug ununterbrochen gegen meine Tür.
Widerwillig kroch ich aus meinem Bett und ließ schweren Herzens meine Konsole neben dem zerknitterten Kopfkissen zurück. Solche Aufruhr war mir unbekannt. Die einzige Person die es normalerweise wagte, mich zu stören, war Viktor. Und Viktor schlug eigentlich nie so grob auf meine Zimmertür ein. Überhaupt war Viktor Iljin niemals grob oder unkontrolliert und tat etwaige Kleinigkeit mit einer Präzision, die jeden Zwangsneurotiker vor Neid erblassen lassen würde. Was hatte ich also verbrochen? Hatte Viktor mich beim Umgehen der Netzwerk-Firewall erwischt? Ausgeschlossen; ich verwischte meine Spuren stets äußerst sorgfältig. Bekam ich also einen weiteren Vortrag über das Schulschwänzen? Würden sie sich dafür wirklich ein weiteres Mal die Mühe machen das Gespräch mit mir zu suchen? Die Lehrer hatten doch längst akzeptiert dass ich, trotzt des Mangels meiner Anwesenheit in der Klasse, sei es nun körperlich, geistig oder doch beides, unangefochten der zweitbeste Schüler in Havaita bin und dies auch blieb. Ich schüttelte seufzend den Kopf.
„Schon gut, schon gut.“ Mein schwungvolles Öffnen der Tür hinderte die Gestalt vor mir daran diese weiter zu malträtieren. Ich blinzelte angestrengt gegen das Licht an, welches wie eine Flutwelle über mich hereinbrach; angesichts der Tatsache, dass ich die letzten fünfzehn Stunden in vollkommener Dunkelheit verbracht hatte eine äußerst unangenehme Situation. Das kurz angebundene „Was?“ fiel mir regelrecht von den Lippen. Jegliche Verdrießlichkeit verflüchtigte sich sobald ich das Mädchen in meinem Türrahmen sah welches mit erhobenem Arm, die Hand zur Faust, vor mir stand. Ein kleines Mädchen mit leuchtend blonden Haaren und blauen Augen, in einem Heiligenschein der Mittagssonne stehend. Ein Mädchen, das in Brand stand.
Blau. Feuer war noch nie bis zu jener Nacht blau gewesen. Und doch stand dort ein Mädchen, wahrlich und leibhaftig, mit Feuer in den Augen, eisig blau wie die Spitzen dieser tödlich züngelnden Flammen. Gott, da war selbst Feuer in ihrer Haut und ihrem Haar. Mir war es völlig gleichgültig, ob es lächerlich war, so lange nach dieser Nacht noch immer Angst zu haben. Ohne die Sicherheit meiner Brille loderte dieses Mädchen, klein und dünn, die Hitze ihre Augen auf die meinen brennend und das mit einer solchen Kraft, dass ich auf die einzige Art und Weise reagierte, die mir einfiel.
Ich drehte mich, überstürzt und taumelnd, auf dem Absatz um und hastete in die Dunkelheit meines Zimmers. Die hölzerne Zimmertür schlug ich hinter mir zu. In meinem Kopf tosten Stimmen aus jener Nacht, eine Sirene, jedoch gab es hier weder Schnee noch Hitze, nur dieses Mädchen aus Feuer und wo, wo war eigentlich meine Brille?

Aurora

Selbstredend, war ich völlig ratlos.
Sicher, ich hatte anderen Kindern schon öfter Angst gemacht; manchmal würden sie davon huschen, wenn ich vorüber ging, tuscheln und mir aus dem Weg gehen. Aber sie hatten gewusst, dass meine gewalttätigen Tendenzen nichts weiter als flüchtige Launen waren. Niemals hatte ich jemanden so sehr erschreckt indem ich schlichtweg vor ihm stand.
Doch hier war ich, meinen temporären, schauernden und unter der Decke kauernden Mitbewohner beobachtend. Es konnte nicht das Klopfen gewesen sein, wovor er sich so erschrocken hatte. Sicher, ich hatte diese Tür praktische eingetreten, jedoch nur, weil Viktor geschworen hatte, dass er in seinem Zimmer seien würde – irgendetwas darüber, dass er Freitags ohnehin nie am Unterricht teilnahm? Ich hatte nicht richtig zugehört. Alles, was ich wusste, war, dass dieser Kerl mein neuer Mitbewohner war und das solange, bis mein eigentliches Zimmer im dritten Flur renoviert und einzugsfertig war. Den ganzen Tag über hatte ich darüber gegrübelt, welche Art von Mensch dieser Elias wohl war, wenn er so viel Unterricht verpasste. Jedoch hatte ich kaum auch nur einen Blick auf diesen Jungen; Elias, werfen können, ehe ihm seine Augen beinahe aus dem Kopf gefallen und er im Bruchteil einer Sekunde getürmt war. Ein Schopf kastanienbrauner Haare war alles, was ich wirklich von ihm registriert hatte. Ich hatte die Tür auffangen können, ehe sie ins Schloss gefallen war, was, nebenbei bemerkt, gar nicht mal so einfach gewesen war. Und so stand ich hier, auf dem abgewetzten Teppichboden und blinzelte neugierig auf das schüttelnde Bündel vor mir. „Herzlichen Glückwunsch. Dein erster Tag hier und dein Mitbewohner möchte sich am liebsten die Kugel geben“, fuhr es mir durch den Kopf und ich lächelte halbherzig. „Elias?“, murmelte ich trocken und nahm vorsichtig auf der Bettkante seiner Festung Platz. Stirnrunzelnd begutachtete ich den Jungen vor mir, der allen Anschein nach fest dazu entschlossen war die nächsten drei Jahre in diesem Berg aus Kissen und seiner Bettdecke zu überwintern. Wenn nicht sogar für immer. „Hey?“, versuchte ich es ein weiteres Mal und zog, nun mehr genervt als besorgt, an seinen Haaren, da sein wirrer Schopf nun mal schlichtweg alles war, was ich von meinem Mitbewohner zu sehen bekam. Oder zu sehen bekommen hatte. Denn in der Sekunde, in welcher meine Finger die weichen Strähnen seiner Haare streiften, duckte er sich, so, dass nun auch seine chaotischen Locken ihm unter der Bettdecke Gesellschaft leisteten. Ich hätte dies vielleicht sogar lustig gefunden, wenn das alles nicht so unnötig und übertrieben gewesen wäre.
„Raus da jetzt!“, befahl ich zischend und gab dem Knäuel einen leichten Stoß. Es war ziemlich wahrscheinlich, dass ich es mir nur eingebildet hatte, jedoch hätte ich schwören können, dass das Bündel vor mir den Kopf schüttelte. Die Augen verdrehend griff ich nach den Zipfeln seiner Bettdecke und zog mit all der Kraft die mein elf Jahre alter Körper aufbringen konnte daran. „Ich sagte, steh auf!“

Elias

In dem Moment, in welchem ich aus meinem erbsengrünen Heiligtum gerissen wurde, schrie ich auf. Erbärmlich, ich weiß. Nein, eigentlich sogar noch darüber hinaus. Für ein so intelligentes Kind handelte ich doch höchst irrational. Jedoch, hatte mich jegliche Rationalität in der Sekunde verlassen, in der ich dieses Mädchen gesehen hatte. Das Mädchen, das in Flammen stand. Es war, als wären alle meine Alpträume zum Leben erwacht. Und so hatte ich mich, in der Hoffnung die Götter würden Nachsicht mit mir haben, an den einzigen Ort auf dieser Welt zurück gezogen, der mir noch hatte Schutz bieten können. Mein Bett. Offenbar war ich den Göttern gerade reichlich egal, denn das blonde Mädchen war noch immer in meinem Zimmer. Nein, viel mehr schienen die Götter mich zu hassen, denn das Mädchen griff nun tatsächlich nach meinem Kragen und zog mich auf die Füße. „Bei allem auf dieser Welt was heilig ist, was ist los mit dir? Hast du Angst vor Tageslicht, oder was? Gehst du deswegen nie zum Unterricht?“, und damit sah ich, widerwillig, in ihr Gesicht. „Bist du deswegen so blass?“ Ich kniff die Augen zusammen, nur um wieder an den Haaren gezogen zu werden. Vermutlich war ich nun mit ihr auf einer Augenhöhe. Zumindest konnte ich ihren Atem auf meinem Gesicht spüren. „Habe ich etwa einen stummen Vampir zum Mitbewohner bekommen? Denn das wäre überhaupt nicht lustig.“
Mitbewohner? Ich öffnete schlagartig die Augen. Und begann zu hyperventilieren. „Hey! Jetzt beruhige dich doch mal!“ Ihr Unmut wandelte sich in Sorge. Ihr Hand streifte meinen Hals und etwas Vertrautes drückte sich plötzlich auf meine Augen. Oh. Ich öffnete zögernd ein Auge um sicher zu gehen, dass die Welt wieder orange war. Das Mädchen aus Feuer war zu ruhig glühender Asche reduziert worden. Ich seufzte vor Erleichterung. „Du bist komisch“, murmelte sie, die Stimme vor Hochmut gar triefend. Dieses Mädchen hatte Arroganz allen Anschein nach mit Löffeln gegessen. Ihr Ausdruck war stolz, während sie mich musterte. Ich starrte zurück wie ein Idiot. „Ich bin Aurora.“
Im Gegensatz zu der hohen, klaren Stimme und dem sonderbaren Akzent dieser Aurora war meine Stimme rau und unverständlich – wahrscheinlich da ich, wann immer sich die Gelegenheit bot, es verzog, nicht mit Anderen zu sprechen. Nie. „Ich bin Elias“, brachte ich stotternd, gar würgend hervor. Und dann: „Warum stehst du in Brand?“ Die eisblauen Augen dieses Mädchen, welche trotz meiner Brille noch immer ziemlich beängstigend waren, weiteten sich augenblicklich und für einen Moment befürchtete ich, dass sie mich anschreien oder schlagen – oder schlimmer, mir meine Brille wegnehmen könnte, doch dann stützte sie sich mit den Händen auf ihren Beinen ab und ich brauchte einen Moment um zu begreifen, dass sie lachte. „Du bist wirklich seltsam“, kommentierte sie.
Mit meiner Schwimmbrille dort, wo sie hingehörte, und der Tatsache, dass sie lachte, fühlte ich mich mit einem Mal viel besser als zu Beginn dieser ganzen Tragödie. Und des Weiteren viel zuversichtlicher. „Für jemanden der aussieht wie ein Engel, bist du ziemlich