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Marlon

Es war ein unerträglich kalter Winternachmittag an dem Marlon durch die enge, morsche Tür des Waisenhauses geschubst wurde, immer an seiner Seite – ein mürrischer Polizist. Dieser zog Marlon grob wie einen nassen Sack hinter sich her und seine Stiefel, welche ihm mindestens zwei Nummern zu groß waren und seine dürren Knöchel und Füße verschlangen wie gierige Raubtiere, scharten über den schmutzigen Holzboden. Luisa Harmon, eine ältere Frau mit hageren Gesicht und krausem, grauen Haar, wartete schon auf den mageren Jungen und ein Ausdruck des Entsetzens machte sich auf ihrem faltigen Gesicht breit als sie ihn entdeckte.
Marlon hatte eine Platzwunde an der linken Schläfe; Blut verschmierte sein Augenlid, lief über seine Wange und hinterließ einen roten Pfad auf seinem Gesicht. „Meine Güte“, wimmerte Harmon, rang die Hände und zog den Jungen zu sich. Marlon versuchte sich an einem schelmischen Lächeln. Sein Grinsen war blutig. „Harmon!“, fauchte der Polizist und schüttelte den dürren Jungen, bis er aus dem Gleichgewicht geriet. Seine Ohren dröhnten ganz fürchterlich. „Ich habe dich gewarnt. Ich habe dir gesagt was passieren würde, wenn deine Bälger wieder etwas stehlen würden!“ Harmons Stirn lag in Falten, als sie nickte und sich Marlon zuwandte. „Marlon, was hast du gestohlen?“ Der Junge wagte es nicht ihr ins Gesicht zu sehen. Stattdessen sah er hinab auf seine abgewetzten braunen Stiefel. Sein Blick wanderte durch das Foyer des schäbigen Waisenhauses herüber zu einem der Jungen, dessen Name er nicht kannte; er hatte ein blasses, sauberes Gesicht, trug ein weißes Hemd und hatte trotz seine ungestümen Locken eine recht ordentliche Frisur. Der Junge saß auf der knarzenden Treppe, klein und schwächlich, mit einem alten Buch auf dem Schoß, auf welchem er seine zierlichen Hände gebettet hatte. „Marlon“, mahnte Luisa Harmon und dieser richtete seinen Blick widerwillig auf ihr altes, faltiges Gesicht. „Einen Apfel“, nuschelte er, seine Stimme leise und gebrochen. „Oder drei.“ Harmon schüttelte seufzend den Kopf. „Hast du sie gegessen?“ Marlon biss sich auf die Unterlippe. „Nein“, antwortete er kurz angebunden und wand sich aus dem Griff des Polizisten. Harmons Gesichtszüge entspannten sich augenblicklich. „Wenn sie an ihren Besitzer zurückgegeben wurden, dann sehe ich keinen Grund für Sie, noch länger hier zu bleiben, Sir“, sagte sie, sich an den Ordnungshüter richtend. Das brachte Marlons Grinsen zurück. Er sah den Polizisten erwartungsvoll an, der ihn losließ. Er lief sofort an Miss Harmons Seite, die sein Kinn packte und seinen Kopf grob zur Seite drehte um sich einen besseren Überblick über seine Kopfwunde zu verschaffen. Er war mit dem Schaft einer Pistole geschlagen worden und das nachdem er die Äpfel zurückgegeben hatte. Typisch.
„Sieh mal, Junge“, sagte der Abgeordnete harsch. Marlon sah ihn recht unbekümmert an; je nachdem wie unbekümmert man mit einer leichten Gehirnerschütterung auch immer dreinblicken konnte. „Ich meine es dieses Mal wirklich ernst, mach das nicht noch einmal.“ Marlon ließ seinen Kopf lahm zur Seite kippen und verdrehte die Augen. „Ja, ist gut“, spottete er und hob seine Hand zur Brust, um dem Polizisten zu salutieren. „Sir.“

Miss Harmon schubste den Jungen augenblicklich in Richtung Badezimmer, nachdem der Mann leise fluchend gegangen war. Marlon hatte nicht einmal den Hauch einer Chance zu protestieren. Sie schlug die Tür hinter ihnen zu und sah auf den Jungen herab. Sie war eine alte Frau, mit einer Weisheit, die er nicht begreifen konnte und er war ein unverschämtes Kind; und sie sah ihn an und dort war nichts weiter als Scham und Entsetzen in ihren Augen. „Marlon“, sagte sie mit leiser Stimme. „Du musst aufhören, so etwas zu tun.“ Marlon verzog das Gesicht. „Ich habe die Äpfel zurückgegeben!“ Fräulein Harmon seufzte und griff nach einem Lappen der auf dem Rand der Badewanne lag. „Du weißt, was ich meine.“ Marlon zuckte zusammen, als sie das nasse Tuch auf seine Stirn drückte und zischte leise während sie behutsam über seine Wunde tupfte. „Sie werden dich von hier fort holen, wenn du nicht damit aufhörst.“ Marlon erwiderte nichts. Er musterte die weiße Badezimmertür, deren Farbe langsam aber sicher abblätterte und morsches, braunes Holz zum Besten gab. „Sie werden dich mitnehmen“, fuhr sie fort. „Sie werden dich woanders hinbringen; vielleicht zu einem dieser Militärlager; zur Armee und dich dort verrotten lassen. Ist es das, was du willst?“
Marlons Augen tränten ein wenig vor Schmerz als Harmon den Lappen versehentlich etwas zu fest auf seine Stirn drückte und er gab sein Bestes, die Tränen weg zu blinzeln. Sie griff nach seinen Händen und kniete sich vor ihn, sodass sie auf einer Augenhöhe waren. „Marlon, du bist eine sehr lange Zeit hier gewesen“, sagte sie leise. Er sah sie mit großen Augen an. „Und ich weiß, es ist schwer, aber du musst dich benehmen können, sonst lässt man dich nicht hier. Verstehst du das?“. Marlon grummelte leise. Das St. George war wohl kaum das, was man unter einem schönen Kinderheim verstand. Die Priester vergriffen sich an den Kindern; nun, an den anderen, nicht an ihm – dafür war er zu missmutig und zu widerspenstig. Darüber hinaus, nicht hübsch genug. Nein, Marlon war bloß ein unterernährter, frecher Bengel, der ständig verletzt und schmutzig war, weil er sich so oft prügelte. Und doch, war das St. George nicht der schlechteste Ort auf der Welt. Marlon hatte weitaus Schlimmeres erlebt.
„Ich bin nicht dumm“, murmelte er und schüttelte ihre Hände ab. „Dann hör auf so zu handeln als wärst du es“, antwortete Harmon harsch und strich ihm durch sein wirres Haar. „Kann ich jetzt gehen?“ Fräulein Harmons dunkle Augen bohrten sich in die seinen und er knirschte mit den Zähnen. „Bitte?“ Harmon seufzte und schüttelte missbilligend den Kopf. „Meinetwegen. Geh bitte zu Hilde und lass dir den Kopf verbinden, ja?“ Marlon verdrehte ein weiteres Mal die Augen und floh dann schnell aus dem kleinen, dunklen Badezimmer.
Er blieb stehen als er den ordentlichen Jungen erblickte dessen Augen ihn wie trübe Pfützen musterten. Um seine Hals trug er eine Schwimmbrille; eine Schwimmbrille, was Marlon reichlich dämlich fand. Der Junge runzelte die Stirn und Marlon hob fragend eine Augenbraue. „Wer zum Teufel bist du?“ Harmon schloss die Tür des Bades hinter sich und Marlon spürte wie sich ihre Augen in seinen Rücken bohrten. „Marlon“, rief sie tadelnd. „Manieren!“
Marlon richtete sich augenblicklich auf. „Selbstverständlich, Miss Harmon“, antwortete er und verdrehte die Augen ein weiteres Mal. Er hob sein Kinn und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wer zum Teufel bist du, Sir?“ Marlon hörte Miss Harmon seufzen. „Marlon, das ist Elias Lithgow“, sagte sie. Nun, das kümmerte Marlon mittlerweile herzlich wenig. Er wollte lediglich endlich nach oben gehen und mit den anderen Kindern spielen. „Er wird von nun an eine Weile bei uns bleiben.“ Elias' Gesicht blieb unverändert. Marlon hingegen begann zu Grinsen. „Nun, das ist ziemlich beschissen“, antwortete er. „Marlon!“, zischte Harmon und der Junge zuckte bloß mit den Schultern und sah Elias direkt in seine trüben Augen. „Aber es stimmt doch“, erwiderte er. „Wenn du bei uns bleibst, heißt das, dass du nirgendwo anders mehr hin kannst. Das ist beschissen.“ Fräulein Harmon seufzte erneut, noch länger als die Male zuvor, und schüttelte den Kopf. Elias sah Marlon mit leicht geweiteten Augen an. Er sah ein wenig geschockt aus, sein Gesicht war nicht mehr ganz so bleich; stattdessen besaßen seine Wangen nun einen leicht rosigen Schimmer. Jedoch dauerte es nicht lange bis die Farbe wieder aus seinem Gesicht verschwand und der Junge Elias Lithgow wieder zu Porzellan wurde.
Er etwas älter als Marlon, das sah man klar in seinen Zügen, jedoch besaß er die Ausstrahlung von jemandem der viel jünger war. Jemand, der gebrochen und noch nicht ganz verheilt war. Marlon, der in die Welt ohne wirkliche Heimat geboren und aufgewachsen war, der nicht einmal einen wirklichen Namen besaß, konnte den Prozess dieser Heilung nur bedingt nachempfinden, war er doch irreparabel beschädigt.
„Nimm ihn mit ins Obergeschoss, ja?“, sagte Harmon und sah in Marlons helle Augen. „Und sag den anderen Kindern, dass sie sich benehmen sollen.“ Marlon steckte die Hände in die Hosentaschen und zog die Mundwinkel nach unten. „Was auch immer“, seufzte er und lief an Elias vorbei die Treppe hinauf, flink und dennoch darauf bedacht nicht zu fallen. Seine Stiefel machten ihm dies nur unnötig schwer – sie waren viel zu groß und zu schwerfällig. Jedoch waren dies die einzigen Schuhe, die er besaß.
Oben angekommen warf Marlon einen Blick hinter sich und sah, dass Elias Lithgow ihm widerwillig folgte. „Du bist wirklich langsam, weißt du das?“, fragte Marlon und konnte den leicht provokanten Unterton seiner Stimme nicht verbergen. Elias' Augen streiften die von Marlon teilnahmslos, dann sah er weg. „Ich werde versuchen, mich das nächste Mal zu beeilen“, antwortete er distanziert. Marlon sah ihn einen kurzen Moment lang an, ehe er mit den Schultern zuckte und in das kleine Zimmer vor ihnen trat. Er riss die Tür grinsend auf und alle Augen fielen auf ihn.
Ein schlaksiges Mädchen, das um die zehn Jahre alt war, sprang auf und rang sich fröhlich die Hände. „Endlich!“, rief sie. Anna war groß und dünn, mit olivfarbener Haut und warmen, braunen Augen. Ihre Haare waren kurz und schwarz und kräuselten sich in schönen, schillernden Locken. „Hast lange genug gebraucht!“ Marlon fuhr sich durch die Haare. „Mir geht es sehr gut. Schön, dass du fragst“, antwortete er schnippisch.
Das Zimmer war klein, was die zehn