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Ginnungagap

Im Spätfrühling fand Elias heraus, dass Marlon ein Analphabet war. Er hatte dem kleinen Henry aus dem Stapel der Bücher vorgelesen, die er aus dem Büro des Priesters bekommen hatte und Marlon hatte in seinem Bett gegenüber gesessen und die beiden aufmerksam beobachtet.
Elias verschlang Bücher; so schnell als seien ihre Seiten leer, und las ganze Buchreihen mit Augen, welche ununterbrochen aufmerksam aufblitzten. Das konnte Marlon sogar hinter der dämlichen Brille erkennen.
„Was für ein Buch ist das?“, hatte Marlon gefragt und Elias hatte ihm den Buchrücken und Titel gezeigt, anstatt zu antworten. Marlon starrte ihn verständnislos an. „Was für ein Buch ist das?“, wiederholte er, ein wenig verärgert.
Natürlich konnte er sehen, dass dort Worte auf der Vorderseite und dem Rücken des Buches prangten, aber er hatte keine Ahnung, was sie bedeuteten.
Elias blickte ein wenig irritiert drein, während er ungeduldig neben den Buchtitel tippte und auf eine Reaktion seitens Marlons wartete. Dieser verzog miesepetrig das Gesicht.
„Was ist denn?“, seufzte Elias. „Du sagst mir nicht, was das für ein blödes Buch ist.“
„Ich zeige doch –“, Elias hielt inne, sah Marlon und dann sein Buch an. „Du... du kannst nicht lesen?“
Marlon stand in einem Satz auf, ging polternd auf Elias zu und riss ihm das Buch aus den Händen, schlug es auf und umklammerte es fest.
Er starrte eine Weile lang auf all die schwarzen Flecken kleiner Symbole, wie er in den Lauf einer Pistole starren würde. Aber sie ergaben einfach keinen Sinn. Seine Augen sahen nicht mehr in ihnen als soliden Terror. Und er spürte, wie er rot anlief vor Scham.
„Es ist nicht schlimm, wenn man nicht lesen kann“, meldete Elias sich schulterzuckend zu Wort. „Du kannst mich mal!“, erwiderte Marlon zischend und gab sein Bestes nicht vor Scham zu weinen. „Weinst du etwa? Das brauchst du doch nicht“, erwiderte Elias gelassen. „Soll ich es dir beibringen?“ Marlon rieb sich grob die Augen. „Ich weine nicht“, erwiderte er, und warf Elias unbeholfen das Buch zu. „Und ich brauche dich nicht, um irgendetwas Blödes zu lernen!“, fügte Marlon wütend hinzu. „Du brauchst nicht so stur zu sein“, antwortete Elias trocken und schüttelte den Kopf.
Marlon war aufgebracht und beschämt, und es war nicht fair. Es war nicht fair, dass Elias so viel so schnell lesen konnte, und Marlon nicht einmal den Titel verstand. Es brannte viel zu sehr und das machte Marlon nur noch wütender, denn er wollte nicht, dass ihn etwas, was ihn doch eigentlich gar nicht interessierte, so sehr aus dem Konzept brachte. Er besuchte doch nicht einmal den Unterricht! Er lebte noch immer auf der Straße. Genau, er lebte auf der Straße und schlief und aß hier, das war alles und das würde auch immer alles bleiben, also warum; warum fühlte er sich plötzlich so entblößt?
Elias saß am Fuße von Marlons Bett, während der Junge sein gerötetes Gesicht in seinem Kissen vergrub. „Kannst du das Alphabet?“, hatte er gefragt und Marlon hatte mit erhobenem Mittelfinger geantwortet. „Komm, setz' dich auf. Ich bring es dir bei.“

Einige Stunden später – und kurz vor dem Abendessen – hatte Marlon erfolgreich eine sehr grobe Version des Alphabets erstellt, die er sowohl rezitieren als auch schreiben konnte.

Der Sommer kam, und Marlon konnte einfache Sätze lesen. Es war ein schwieriger und quälend langsamer Prozess. Es gab viele Momente in denen Marlon damit drohte seine Feder in Elias' Auge zu stechen, oder seine Hand, oder beides, weil er nicht mit seiner Frustration umgehen konnte.
Warum gab es so schwierige, komplizierte und geißelnd lange Worte? Wozu sollten all diese Grammatikregeln überhaupt gut sein, und warum war Rechtschreibung so kompliziert und in Stein gemeißelt? Warum zum Teufel konnte das alles nicht um ein vielfaches simpler sein?
„Ich versteh' diese Geschichte nicht“, sprach Marlon und drückte in seinem Unbehagen so fest mit seinem Bleistift auf das Papier vor ihm, dass die Bleistiftmine brach.
„Es ist ganz einfach“, erwiderte Elias. „Lies einfach weiter.“ Marlon stöhnte genervt auf. „Wir sitzen seit Stunden an diesem Blödsinn!“
Elias verdrehte die Augen und seufzte. „Umso mehr Grund, weiterzumachen“, sagte er. „Du machst gute Fortschritte.“ Marlon lachte bitter. „Du lügst“, antwortete er missmutig. „Ich meine es ernst“, sagte Elias und Marlon sah wie Elias' Augen ihn fixierten. Marlon starrte für einen Moment zurück und ließ seinen Blick mit gerunzelter Stirn wieder auf das Buch vor ihm wandern.
„Du bist wirklich gut, Marlon. Du kannst lesen und schreiben auch. Du musst dich nur konzentrieren.“
Marlon hatte nachdenklich am Radiergummi seines Bleistifts herumgekaut und zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Aber ich bin immer noch nicht so gut wie du.“
Elias schüttelte den Kopf. „Marlon“, seufzte er. „Ich lese schon fast mein ganzes Leben lang. Du bist erst seit einigen Monaten dabei es zu lernen. Entspann dich“, fügte er hinzu.
„Das ist alles so dumm“, brummte Marlon wütend und strich die Seite vor ihm glatt. Er las laut vor während er langsam zu schreiben begann. „Fühlen sie sich wie... Zuhause, sagte der ge – gelernte... Mann“, las er zögernd und sah Elias an, der ermutigend nickte. „Ich werde niemandem sagen, wer Sie wirklich sind. Ich... ich ver – ... verspresche“, Marlon stockte und runzelte seine Stirn ein weiteres Mal während er mit starrem Blick auf die Worte vor ihm sah. „Verspreche“, korrigierte Elias, der Marlon wie ein Lehrer über die Schulter sah während dieser schrieb.
Ich verspreche es Ihnen, und ein Wort wie dieses ist su – ... was zum Teufel, Elias?“ Elias richtete seine Schwimmbrille und sah dann auf das Wort, auf das Marlon mit frustrierter Miene starrte. „Suffizient“, antwortete er. „Weißt du, was das bedeutet?“ Marlon wich Elias' Blick beschämt aus. „Nein...“, erwiderte er zähneknirschend. „Ich dachte diese Geschichten seien für Kinder gedacht, Elias.“ Elias seufzte. „Das sind sie auch. Mach weiter, du schlägst dich gut.“
„Was bedeutet suffizient?“, erwiderte Marlon. „Aus-und zureichend...“, sprach Elias. Er sah ein wenig abwesend aus. „Im Ernst, mach weiter Marlon.“ „Fein.“ Marlon kratze sich mit den Radiergummi seines Bleistifts am Kopf. „Also...ein Wort wie dieses ist... suffizient unter Freunden.“ Marlon warf den Bleistift hin.“Diese Geschichte ist dumm.“
„Möchtest du eine andere lesen?“, fragte Elias vorsichtig während er das Buch vom Tisch an sich nahm. „Ich hasse Märchen“, erwiderte Marlon.
Elias lächelte gelassen. Er hatte viel Geduld, und gab Marlon nie das Gefühl, missverstanden zu sein. Keines der anderen Kinder war je so aufgeschlossen im Umgang mit ihm, unabhängig davon, wie gut sie seine hitzige Persönlichkeit kannten oder aber an seine sporadischen Wutausbrüche und Trotzanfälle gewohnt waren. Aber Elias schien Marlon schlichtweg zu akzeptieren, ganz ohne Vorbehalte.
„Warum das?“, hatte Elias gefragt. Sie waren oben im Spielzimmer; wie üblich allein, während die anderen Kinder draußen spielten. Marlon war eifersüchtig
„Weil Märchen dumm sind!“ Marlon stand auf und warf theatralisch die Hände über den Kopf, um seinen Punkt zu verdeutlichen. „In Märchen verhält sich niemand wie eine richtige Person. Sie sind allesamt Idioten, die von einer ungünstigen Situation zur nächsten springen; sie werden verflucht, gebrandmarkt oder hingerichtet, oder irgendetwas anderes schreckliches in der Art.“ Elias konnte sich ein trockenes Lachen nicht verkneifen. „Nicht viel anders als im wirklichen Leben“, sinnierte er. „Nur dass man im wirklichen Leben nun mal kein glückliches Ende bekommt“, erwiderte Marlon und ging herüber zum Fenstersims um auf die Straße zu blicken. Die anderen Kinder spielten Ball und grölten und schrien vor Freude. Man konnte sie sogar bei geschlossenem Fenster hören.
„Diese Geschichte hat auch kein glückliches Ende“, antwortete Elias und deutete auf das Buch in seiner Hand. „Der gelernte Mann stirbt am Ende.“ „Aber der Ganove überlebt“, entgegnete Marlon. „Er bekommt ein glückliches Ende.“ Elias runzelte die Stirn. „Aber...“, sprach er, sichtlich perplex. „Das Böse gewinnt. Das ist nicht gerade ein glückliches Ende, per se.“
„Für den Ganoven schon“, erwiderte Marlon schulterzuckend. „Das ist seltsam optimistisch“, lachte Elias spöttisch. „Das hätte ich gar nicht von dir erwartet.“ Marlon verdrehte die Augen. „Du weißt was ich meine.“
Marlon wandte sich wieder den Kindern auf der Straße zu. „Im wirklichen Leben gibt es kein Bilderbuchende für jedermann. Es ist einfach unrealistisch.“ Marlon hielt für einen Moment inne. „Wir leben. Wir sterben. Wir werden zu modernden Leichen, und das ist unser Schicksal.“
Stille.

„Ich habe mich Edrics Bande angeschlossen“, sagte Elias leise.
Marlons Augen weiteten sich. Elias, dessen Märchenbuch in seinem Schoß lag, senkte den Kopf. Marlon wusste, dass Elias vor dem Waisenhaus ein schönes Leben gehabt haben musste. Man sah es an der Art, wie er sprach, dem weichen Tonfall seiner Worte und seinen Manieren. Er war wohl erzogen und belesen. Aber er war nie prätentiös oder herablassend, und er beklagte sich nie darüber, wie wenig ihm das Waisenhaus im direkten Vergleich bieten konnte.
„Du hast gesagt, dass Banden reiner Unfug sind“, sprach Marlon wütend. „Dass sie lediglich sinnlose Gewalt fördern.“ „Das habe ich gesagt“, erwiderte Elias ruhig.
„Warum zur Hölle –“, Marlon ballte die Fäuste. „Es ist meine Angelegenheit“, fiel ihm Elias ins Wort und blickte zum ersten Mal seit gefühlten Ewigkeiten auf. Er hielt Marlons