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eisernem Gesichtsausdruck stand. „Ich dachte nur, dass du das wissen solltest. Du brauchst dir also keine Sorgen machen, wenn ich spät nach Hause kommen sollte.“
„Warum sollte ich mir Sorgen um deine traurige Existenz machen?“, antwortete Marlon zerknirscht und wandte sich ab. Elias seufzte. „Ich hatte einfach gehofft du könntest mich vielleicht decken. Ich möchte Fräulein Harmon keine Unannehmlichkeiten bereiten.“ Elias versuchte sich an einem unschuldigen Lächeln. „In Ordnung?“ Marlon sah ihn finster an. „Du bist gar nicht so schön, wie jeder denkt“, sprach er düster. „Und nein, ich will dich nicht decken. Ich will auch mitmachen.“
„Auf keinen Fall“, erwiderte Elias bestimmend. „Ich brauche deine Erlaubnis nicht“, feixte Marlon störrisch. „Was du brauchst...“, sagte Elias, wieder das Buch in seinem Schoß begutachtend, „Ist ein Gehirn.“
„Na, vielleicht kann ich ja eins stehlen“, schnauzte Marlon. „Das ist ja offensichtlich das Einzige, worin ich gut bin, nicht wahr?“ Elias sah zum ihm auf. „Das habe ich nie gesagt.“
„Du hast mich gerade dumm genannt!“ Elias schüttelte den Kopf. „Du bist dumm!“, erwiderte Elias knurrend. „Ich meine, nicht dumm im Sinne von weniger intelligent, du bist nur... Du verstehst es nicht, Marlon. Du steckst schon in genügend Schwierigkeiten und ich weiß, dass Miss Harmon Angst hat, dass sie dich von hier wegholen und jetzt schon nur auf eine Gelegenheit warten, dich wegzusperren.“
„Halt den Mund“, Marlon verschränkte die Arme vor der Brust. „Niemand wird mich irgendwohin mitnehmen.“
„Du wirst dich Edrics Bande nicht anschließen.“ Elias sah Marlon kalt und lang an. „Das ist mein letztes Wort.“ Marlon schnalzte verächtlich mit der Zunge. „Fahr zur Hölle, Elias.“
„Da bin ich doch schon“, erwiderte der Brünette kühl und ging langsam Richtung Zimmertür.
„Es ist ja nicht so, als würde ich ein glückliches Ende bekommen, stimmt's?“
Marlon wäre ihm am liebsten nachgelaufen, und sei es, um ihn die Treppe herunter zu stoßen.

Wie die meisten Streitereien zwischen Kindern, verblasste diese schnell.
Am Ende der Woche waren Marlon und Elias wieder mit dem Lesen von Märchen beschäftigt und Marlon beschloss, dass Thema von Edrics Bande vorerst nicht mehr anzuschneiden.
Stattdessen konzentrierten er sich auf die Tatsache, dass der jüngste unter ihnen, Henry, adoptiert werden sollte.
„Glaubst du, dass es ihm auch gut gehen wird?“, flüsterte Mendel, als er den kleinen Jungen das Waisenhaus in Begleitung eines jungen Paares verlassen sah.
„Sie scheinen nett zu sein“, sagte Anna achselzuckend.
Nett, dass ich nicht lache. Das bedeutet einen Scheißdreck“, fluchte Marlon. „Ich weiß nicht, ob ich denen trauen soll. Erwachsene sind doch alle gleich beschissen.“
„Du vertraust doch niemandem“, lachte Hilde. Elias sagte nichts. Stattdessen sah er Marlon verständnislos an und schüttelte den Kopf. Er schien anderer Meinung zu sein, was wenig überraschend war.
„Lust auf ein Wettrennen?“, pfiff Mendel, der schon seinen mageren, langen Körper streckte.
„Lust zu verlieren?“, erwiderte Marlon grinsend, die Besorgnis über Henrys Adoption bereits vergessem. Er krempelte die ausgefransten Enden seiner Hose hoch und zog sich seine klobigen Stiefel aus, die zum Rennen schlichtweg ungeeignet waren.
„Ich verliere nicht!“, grinste Mendel. „Nicht gegen dich halbe Portion!“
Elias hielt Marlon zurück. „Du solltest nicht barfuß gehen“, warnte er. „Du weißt was für Krankheiten in den Straßen ihre Runden machen.“ „Ich werde nicht krank“, erwiderte Marlon achselzuckend. „Du wäscht dir nicht einmal die Hände“, entgegnete Elias. „Es gibt ja auch keine Seife“, erwiderte Marlon trocken.
„Elias hat Recht“, sprach Anna. „Du solltest besser deine Stiefel tragen“, fuhr sie fort und lief den beiden Jungen schnell hinterher.
Die Pflastersteine waren heiß und die Sommersonne brannte sowohl in Marlons Nacken als auch auf seinen Armen und Schultern. „Du willst mich nur verlieren sehen“, antwortete Marlon und ging in Startposition.
Anna warf die Hände in die Luft. „Tut mir leid, dass ich mir Sorgen um dich mache. Kommt nicht wieder vor.“
Mendel rollte mit den Schultern. „Willst du wetten?“, fragte er. „Was bist du denn bereit zu geben?“ Mendel grinste keck. „Nun, Nichts, wirklich. Wir besitzen beide wohl kaum etwas von Wert.“ Marlon grinste halbherzig. „Stimmt“, entgegnete er, und dann: „Der Verlierer muss sein Abendessen abtreten.“ Mendel pfiff anerkennend. „Deal.“
„Okay“, sagte Hilde, und trat zwischen die beiden. „Ihr kennt die Regeln. Ihr lauft bis zum Ende der Straße, schlagt Rosies Hand ab und lauft dann zurück. Der erste, der meine abklatscht, gewinnt.“
Mendel ging neben Marlon in die Hocke, rollte seine Hosenbeine hoch und ging in Position.
„Bereit?“, fragte Hilde und warf ihre Arme in die Luft. „Los!
Marlon stürzte los und hastete an Mendel vorbei, der offensichtlich Probleme damit hatte, mit dem kleinen Tunichtgut mitzuhalten. Seine nackten Füße schlugen mit jedem Satz hart auf das Pflaster auf während er sich zwischen den Passanten auf der Straße hindurch manövrierte. Er wagte es nicht, sich nach Mendel umzusehen und lief geradewegs auf Rosie zu, die schon grinsend ihre Arme hob. Siegessicher passte er sie ab, drehte sich auf dem Absatz um, strauchelte dabei ein wenig und machte sich auf den Weg zurück zu Hilde.
Dabei stolperte er versehentlich über seine eigenen Füße und stieß mit einer großen, schlanken Frau zusammen, deren langes, schwarzes Haar ihr wie dunkles Wasser sacht über den Rücken floss. Wie lange war sie fort gewesen? Ein Jahr? Oder vielleicht sogar noch länger? Sie lächelte sanft und beugte sich zum ihm herunter, um ihn vom Kopfsteinpflaster aufzulesen. Marlon biss die Zähne zusammen, schlug ihre Hand weg und rappelte sich flink auf. „Aus dem Weg!“, knurrte er, doch es war schon zu spät. Mendel hatte ihn überholt und Hilde ließ ihre Arme bereits sinken. Mendel hatte gewonnen.
Marlon spuckte wütend auf das Pflaster. „Ihr werdet so schnell groß, wie die Zeit vergeht“, sinnierte die Frau, die Marlon sein Abendessen gekostet hatte.
Er kannte sie – ihr Name war Kjelle und sie stand Miss Harmon seit Jahren mit Rat und Tat zur Seite, half in der Küche und spendete die ausrangierten Spielsachen ihrer Nichten. „Auch du, Marlon“, sagte sie und strich ihm durch sein unordentliches Haar. Er funkelte sie böse an. Mendel schnaubte vor Lachen. „Wir alle wissen, dass das eine Lüge ist, Fräulein Kjelle!“, prustete er. Lynette kicherte. „Ja, Marlon wächst nie!“
Marlon verschränkte verärgert die Arme vor der Brust. „Ich hasse euch alle.“
„Nein, ich meine es ernst“, schnitt Kjelles helle Stimme dazwischen. Sie tätschelte noch immer seinen Kopf und Marlon schlug unsanft ihre Hand weg. „Du bist so groß geworden, dass ich dich kaum erkannt habe.“
„Das sagst du jedes Mal, wenn du uns besuchst“, gab Marlon schnippisch zurück und zog die Nase kraus. Er hob müßig seine Schuhe auf. „Ich bin viel zu lange weg gewesen. Ich kenne nicht einmal die Hälfte dieser Kinder!“, sagte Kjelle und ihre Gestik war zusehends übertrieben. Rosie kicherte.
„Du kennst mich!“, rief Mendel.
„Ja, Mendel, dich kenne ich“, antwortete Kjelle lachend. „Und natürlich die Zwillinge. Wo ist unser Baby, Henry?“ Mendel krempelte seine Hosenbeine wieder herunter. „Den hast du knapp verpasst“, sagte er. „Er wurde heute adoptiert.“ Kjelle schnappte gekünstelt nach Luft und rang ihre Hände. Dann grinste sie breit. Sie war dreiundzwanzig Jahre alt und benahm sich noch immer wie ein Kleinkind. „Das ist ja großartig!“, rief sie fröhlich.
„Warum bist du hier, Kjelle?“, unterbrach Marlon ihren Freudentanz.
„Ich habe euch vermisst! Und da ich heute zurück in die Stadt gekommen bin, dachte ich, ich schaue mal vorbei!“, entgegnete sie grinsend und Marlon musterte ihr fleckiges Gesicht im Licht der Nachmittagssonne. Sie hatte mehr Sommersprossen als beim letzten Mal.
„Herrje, Marlon. Du bist ja noch mürrischer als sonst“, kicherte sie. „Er ist immer so!“, rief Anna dazwischen und verdrehte grinsend die Augen. Marlon ignorierte sie. „Ich bin Anna“, fuhr sie höflich fort und gab Kjelle die Hand. „Kjelle Bellier“, sagte Kjelle und lächelte ihr warmes Lächeln. „Schön, dich kennenzulernen Anna.“ Das Mädchen kicherte vergnügt.
„Hast du auch mal hier gelebt, Fräulein Kjelle?“ Besagtes Fräulein nickte und band sich ihr rabenschwarzes Haar zu einem Zopf zusammen. „Ich war zwar nicht so lange hier, wie zum Beispiel unser Miesepeter hier“, antwortete sie und deutete auf Marlon, „Aber ich habe eine Weile hier gelebt.“
„Jetzt hört auf mit der Scheiße“, fauchte Marlon und tat seinem Ruf alle Ehre. „Du bist sonst auch nicht so ein Sonnenschein, Kjelle.“ Kjelle begann zu grinsen. „Ich bin immer ein Sonnenschein. Du musst mich verwechseln.“ Marlons Miene blieb nonchalant. „Nein, bist du wirklich nicht.“
„Ich finde, dass Fräulein Kjelle sehr nett ist“, meldete sich Hilde zu Wort. Rosie war an ihrer Seite, sagte aber nichts. Stattdessen sah sie Kjelle mit großen Augen an. „Danke Hilde“, sagte Kjelle und zwinkerte dem Mädchen zu. Dann erblickte sie Elias. „Oh, du bist neu hier, nicht wahr? Wie ist dein Name, Schatz?“ Elias sah zu ihr auf. „Elias... Lithgow“, erwiderte er zögernd. „Niedlich“, lächelte Kjelle. „Nun, ich werde Miss Harmon suchen gehen. Wir sehen uns zum Abendessen.“
„Auf Nimmerwiedersehen!“, neckte Mendel lachend und wedelte übertrieben winkend mit seinem Arm. „Ihr verdammten Kinder“, lachte Kjelle. „Ihr