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Einherjar

„Wo bist du denn gewesen, Junge?“, schluchzte Fräulein Harmon. „Was muss noch passieren, damit du endlich aufhörst dich fast umzubringen?“ „Mir geht es gut“, erwiderte Marlon sofort. Er fühlte sich voll und ganz gedemütigt. „Dir geht es nicht gut, Marlon! Du bist nicht dumm! Also tu' gefälligst nicht so, als wärst du es“, schluchzte sie und strich ihm über seine geschwollene Wange.
„Marlon, dein Gesicht ist so blutverschmiert, dass ich dich kaum wieder erkenne“, sagte sie leise. „Nun, das wird den Monsignore doch sicher freuen. Er kann immerhin nicht damit aufhören sich darüber zu beschweren, wie unansehnlich ich doch bin“, blaffte Marlon ärgerlich. Nicht, dass ihn das wirklich störte. Es könnte immerhin viel schlimmer sein.
„Sag mir, was passiert ist“, forderte Harmon und rang die Hände. „Jetzt.“ Marlon seufzte genervt. „Ich wurde verprügelt“, antwortete er, gespielt desinteressiert, doch der bittere Unterton in seiner Stimme war kaum zu überhören. „Das ist doch nichts neues, oder?“ „Wo habt ihr zwei euch herumgetrieben? Und das bei dem Wetter und zu so später Stunde?“ Marlon zog die Stirn kraus. „Wir... zwei?“, wiederholte er fragend, ehe es ihm dämmerte. Elias hatte sich wohl schon wieder raus geschlichen. „Ich habe Henry besucht... und als ich nicht zurück kam, hat sich Elias auf die Suche nach mir gemacht“, log er rasch.
Miss Harmon öffnete die Tür und sah, dass Elias noch immer auf der hölzernen Treppe saß und nicht zu Bett gegangen war. Das Bild erinnerte sie an seinen ersten Tag im St. George.
„Elias?“, rief sie den Jungen zu sich. „Ja?“, reagierte dieser schwach und gähnte leise. „Ist es wahr, dass du dich draußen herumgetrieben hast, weil du auf der Suche nach Marlon warst?“, fuhr sie fort und musterte den Jungen streng. Elias sah verdutzt zu Marlon herüber und seine Augen bohrten sich aufmerksam in die seinen. Sein Gesichtsausdruck war für Marlon unmöglich zu lesen. Elias wandte sich wieder Fräulein Harmon zu und nickte. „Ich war sehr besorgt“, erwiderte er höflich und verlagerte sein Gewicht von seinem rechten auf das linke Bein. „Warum bist du dann nicht zu mir gekommen?“, hakte Harmon nach. Ihre Stimme war dünn und erschöpft. „Ich wollte Marlon nicht in Schwierigkeiten bringen“, antwortete der Brünette achselzuckend. „Es tut mir leid, das war falsch von mir und ich hätte unverzüglich zu Ihnen gehen sollen, Miss Harmon, aber ich spürte, das etwas nicht in Ordnung war. Es tut mir leid.“
Marlon hatte sich abgewandt und unterdrückte ein Lächeln. Manipulativer Bastard, dachte er, und kam nicht umhin, Elias für sein Charisma zu bewundern. Er konnte Miss Harmon mit seinen Worten selbst im Traum nicht so den Kopf verdrehen.
„Gut, Elias“, sprach sie seufzend. „Geh jetzt ins Bett.“ Elias sah zu Marlon herüber, dessen Blick gen Fliesenboden gerichtet war. „Aber –“, protestierte Elias, doch Fräulein Harmon fiel ihm tadelnd ins Wort. „Marlon braucht ein Bad“, sagte sie. „Gott bewahre, dass er sich nicht irgendetwas eingefangen hat. Du weißt, welch' arme kranke Seelen durch diese Gassen wandeln, Elias.“
Das war neu für Marlon. Er hatte geglaubt die Epidemie sei schon vor Monaten ausgestorben.
„Es werden immer noch Leute krank?“, hakte er nach und Fräulein Harmon wandte sich mit ernster Miene zu ihm um. „Ja, Marlon, es werden immer noch Leute krank“, sagte sie. „Und das ganze ist auch immer noch sehr tödlich. Wäscht du dir auch immer schön die Hände, Marlon?“ „Ja klar“, entgegnete er trocken. Sein Schädel dröhnte. Seine Nase war gebrochen. Verdammt, wer weiß wie viele seiner Rippen gebrochen waren. Alles, was Marlon jetzt noch wollte, war schlafen.
„Ich dachte, es gäbe einen Impfstoff für die Seuche“, sprach Elias langatmig, eher zu sich selbst als zu irgendjemand bestimmten. Er war offensichtlich übernächtigt.
„Den gibt es auch“, antwortete Miss Harmon und fuhr damit fort, Marlon barsch die abgewetzten Kleider vom Leib zu reißen. „Aber den können einfache Leute wie wir uns nicht leisten.“ Elias erwiderte nichts. Er sah Marlon an, zuckte mit den Achseln und ging dann ohne ein weiteres Wort die Treppe zum Schlafsaal hinauf.
Was folgte war das traumatischste Bad in Marlons jungem Leben.

Marlon wusste, dass es reichlich unklug war, barfuß durch die Straßen zu laufen – vor allem angesichts des frisch gefallenen Schnees. Aber er hatte Henry versprochen, ihn noch vor Ende der Woche zu besuchen und sich aufgrund der Tracht Prügel welche er sich eingefangen hatte sowie der Konsequenzen, die diese nach sich zog, nicht daran halten können. Und wenn Marlon irgendetwas gerechtes in seinem Leben tat, dann war es, seine Versprechen zu halten. Aufgrund dessen kam er nicht umhin, sich bei nächster Gelegenheit auf den Weg zu Henry zu machen, alsbald es sein Körper wieder zuließ. Zugegeben, sein Brustkorb schmerzte noch immer höllisch, doch abgesehen davon war er schon wieder ziemlich munter.
Marlon trat aus dem Waisenhaus und machte sich auf den Weg zu Henrys neuem Heim. Er ertrug den eisigen Boden unter seinen Füßen ohne zu klagen. Es war auszuhalten sogleich seine Zehen taub waren. Darüber hinaus hatte Miss Harmon ihm versprochen, ihm bald neuen Schuhe zu beschaffen.
Marlon klopfte ruhelos an die Haustür des kleinen blonden Junge. Er konnte es kaum erwarten ins Warme zu kommen und hüpfte von einem Fuß auf den anderen, während er versuchte, seine durchfrorenen Finger mithilfe seines Atems aufzuwärmen. Ohne viel Erfolg.
Niemand öffnete die Tür. „Henry“, rief Marlon ungeduldig und sprang von der Veranda, um in eines der niedrigen Fenster zu spähen. Seine kleine Statur machte ihm dies unnötig schwer. Er krallte sich am Fensterbrett fest, stellte sich auf seine blau anlaufenden Zehenspitzen und sah hinein. Das Haus lag im Dunkeln. Es sah so aus, als ob niemand zu Hause sei.
„Hey, Henry“, rief Marlon ein weiteres Mal und die Haustür öffnete sich knarrend. Marlon lächelte und ließ vom Fensterbrett ab.
Henry stand im Türrahmen und sah kümmerlich und zerbrechlich aus.
Das letzte Mal, als Marlon ihn gesehen hatte, hatte das Kind krank ausgesehen. Jetzt sah er aus wie die sterblichen Überreste des Kindes, dass er erst vor Kurzem besucht hatte.
Seine Haut war wächsern und sein Haar klebte matt an seiner Stirn. Henry sah Marlon mit hohlen Augen an. An seinem Mund klebten Überreste von verkrustetem Erbrochenem und Blut.
Marlons Lächeln fiel ihm buchstäblich aus dem Gesicht und machte einem schockiertem Starren Platz.
„...Marlon?“, japste Henry leise. Seine Stimme war keuchend und dünn. Marlons Augen weiteten sich. „Ja“, sagte er zögernd. „Ja, ich bin hier. Lass uns... lass uns einen Arzt suchen gehen, in Ordnung?“ Marlon streckte dem kleinen Jungen seine kalte, zittrige Hand entgegen. Henry sah mit großen, gläsernen Augen zu ihm auf. „Marlon“, flüsterte er. Seine Stimme bebte. „Sie wachen nicht mehr auf. Sie wachen einfach nicht auf.“
Henrys Worte trafen Marlon wie Messer und er spürte, wie ein Schauer seinen Rücken hinunter lief. Für einen Moment stand er unter Schock. Die Worte hallten in seinem Kopf wider und er schluckte, hart, ehe er dem Kleinen antworten konnte. „Wollen wir gemeinsam nachsehen?“, fragte er und er spürte mit einem Mal ein hohles Gefühl in seiner Magengegend. Als Henry sachte nach seiner Hand griff, klamm und kalt, überkam ihn eine Gänsehaut.
Henry führte Marlon zum Schlafzimmer. Seine Adoptiveltern lagen in einem Gemisch aus ihrem eigenen Erbrochenem und anderen Körperflüssigkeiten. Marlon brauchte sich nicht erst vergewissern, um zu wissen, dass sie tot waren. Aber er tat es trotzdem. Er ging mit unsicheren Schritten zuerst auf die Frau zu, die mit offenen Augen und Mund regungslos im Bett lag. Marlon hielt sich den dünnen Stoff seines Hemdes vor die Nase um den stechenden Geruch von Blut, Erbrochenem und Tod zu drosseln.
Marlon erschrak, als ein lautes Husten die Stille des Raumes brach. Henrys Körper ging mit so viel Kraft zu Boden, dass der Türrahmen neben ihm zu beben begann. Er war auf die Knie gefallen, mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen und stützte sich auf seinen Händen ab, während er verzweifelt hustete und würgte und nach Luft rang. Sein kehliges Husten klang wie berstendes Glas. Marlon war bereits an seine Seite geeilt.
„Hey“, sprach er leise, zu feige, das kranke Kind zu berühren. Er ging neben den Jungen in die Hocke. „Steh auf. Wir gehen jetzt zu einem Arzt, okay? Es wird alles wieder gut.“
Marlon sah die Tränen in Henrys Augen glitzern, als er zu ihm aufsah und sein schwacher, kleiner Körper schließlich ausgemergelt nachgab. Henry sackte in sich zusammen und viel Marlon in die Arme, den Kopf an seine Brust gelehnt. Er bebte und zitterte und hustete und bellte – und spuckte schließlich Blut. Leuchtend rot rann es sein Kinn hinunter und bildete rubinfarbene Flecken auf Marlons Hemd.
Henry begann zu schluchzen. Marlon saß mit aufgerissenen Augen da und brachte kein Wort hervor. Er hielt den Jungen fest und zog ihn an sich, während dieser sein Gesicht hilflos in Marlons Brust vergrub und bitterlich weinte.
Es gab nichts, was getan werden konnte. Marlon sah und spürte wie sein Körper vor Angst und Schrecken zu schaudern begann und seine Augen brannten und tränten, als der sterbende Henry schrie und sich fest an ihn klammerte.
Marlon fuhr ihm sachte durch sein klammes, blondes Haar. „Es... ist schon gut. Es wird alles wieder gut“, flüsterte er mit dünner Stimme. Die gesamte Situation erschien ihm so... unwirklich. Surreal. Fremd und fern. Als sei er nur ein stiller Beobachter in einem Traum, aus dem er gleich erwachen würde. Und doch spürte er gleichzeitig wie sein Herz gegen seinen Brustkorb hämmerte, so stark und