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seid alle miese kleine Scheißer.“
Mendel grinste breit. „Das mag wohl wahr sein.“

Marlon griff nach Elias' Arm und zog ihn mit sich die Straße runter. Er blickte irritiert drein. „Wohin gehen wir?“, fragte er. „Abendessen stehlen.“

Der Herbst kam spät und besonders kalt. Marlon bekam Elias immer weniger zu Gesicht. Wenn er nicht gerade hinter seinen Büchern oder im Büro des Monsignore verschwand, ging er bei Dämmerung nach draußen und kehrte erst spät nachts zurück.
Marlon lag in diesen Nächten oft wach und fragte sich, was zum Teufel mit dem Jungen los war und wo er sich herum trieb.

Im Spätherbst begann es doch tatsächlich zu schneien. An einem kalten Herbstnachmittag beschloss Neal Dunn sich für die Prügel vom Vorjahr zu revanchieren. Ja, er war einer dieser Menschen die einen Groll lange hegten und pflegten, als sei es erst gestern gewesen.
„Hey!“, knurrte er, als er Marlon durch eine der verschneiten Gassen schlendern sah. Marlon war auf dem Weg nach Hause. Er hatte den kleinen Henry besucht, der vor kurzem eine Erkältung bekommen hatte und dessen winziger Körper während seines Besuchs immer und immer wieder von Hustenanfällen erschüttert worden war. Marlon hatte die Gelegenheit ebenfalls dazu genutzt, seine neue Familie kennenzulernen. Das Kreuzverhör war gut verlaufen und Marlon hielt Henrys neues Zuhause für sicher genug. Er versprach, ihn noch vor Ende der Woche erneut zu besuchen.
„Zwerg!“, rief Neal, seine Stimme vor Verachtung nur so triefend. Marlon wandte sich mit betont angewidertem Gesicht zu ihm um. „Was willst du, Neal?“
Ein bösartiges Grinsen huschte über Neals Gesicht. Er war warm angezogen; er trug einen langen, blauen Mantel, der ihm bis zu den Waden reichte, einen dicken Schal, Winterstiefel und Handschuhe. Alles, was Marlon hatte, war seine abgewetzte Weste, ein dünnes Hemd und das gleiche paar Hosen, das er immer trug. Oh, und natürlich seine überdimensionalen Stiefel.
„Ich häng' hier nur so rum“, sagte Neal und sah ziemlich selbstgefällig aus. „Und was macht ein kleiner Scheißkerl wie du zu so später Stunde hier?“
Marlon nahm eine gewohnt defensive Haltung ein. „Kein Grund, so pejorativ zu sein. Wenn du kämpfen willst, dann komm' zur Sache.“
Pejorativ“, wiederholte Neal pfeifend. „Ein großes Wort, beeindruckend! Hat dir das Lithgow beigebracht?“, fügte er hinzu und lachte kehlig.
Marlon sah den Hohn in Neals Augen aufblitzen und dann, im Bruchteil einer Sekunde, war er von drei weiteren Jungen umzingelt, die an seinen Armen rissen und ihn hin und her schubsten.
Es gab einen gewaltigen Unterschied zwischen dem Kräftemessen der Kinder und Rüpel bei Dämmerung und einem solchen Überfall in einer dunklen Gasse.
„Was zum Teufel?“, keuchte Marlon und versuchte sich vergebens gegen den festen Griff der Jungen zu wehren, die seine Arme schmerzhaft nach hinten rissen und dabei überdehnten. Wenn das so weiter geht, kugeln sie mir die Schultern aus, dachte er bitter und biss sich auf die Unterlippe.
Neal riss Marlons Kopf grob am Schopf seiner Haare nach oben und spuckte ihm verächtlich ins Gesicht. „Was zur Hölle soll das, Neal?!“, rief er und der ältere Junge seufzte laut.
„Du hast stets eine so große Klappe, Marlon“, sprach er und Marlon sah wie seine Augen vor Bosheit glitzerten. „Du musst wirklich lernen, deine Zunge zu hüten.“
Neal holte kräftig aus. Bevor seine Faust Marlon treffen konnte zog dieser sein Knie mit so viel Kraft und so weit nach oben, wie es seine kleine Statur zuließ und traf Neals Kiefer, hart. Seine Faust streifte Marlons Wange. Und dann war da nichts als Chaos.
Marlon wurde zu Boden geschleudert und geprügelt und egal, wie sehr er sich wehrte, er war nicht stark genug, um es mit vier Leuten gleichzeitig aufzunehmen.
„Lasst mich gehen!“, fauchte er, während er wie wild mit den Beinen strampelte. Ein Stiefel trat fest in seine Magengrube und Marlon rang für einen Moment mit aufgerissenen Augen nach Luft. Dann übergab er sich.
Er blutete, war verschwitzt – oder nass vom Schnee, er wusste es nicht, vielleicht auch beides, es war ihm egal – verdreckt vom Unrat der Straße und jetzt auch noch besudelt mit Erbrochenem, seine Haare ein einziges durcheinander. Seine Ohren klingelten. Er war es gewohnt, verprügelt zu werden. Er hatte seine frühe Kindheit damit verbracht, im Müll zu wühlen und jedweden Krümel und Fetzen zu stehlen, den er fand, während er unter den Markisen fremder Häuser und Läden kauerte, aß und Schutz suchte.
Er war mit Fäusten geschlagen worden, mit dem stumpfen Ende von Waffen, mit Riemen und Ketten – selbst mit Holzlöffeln. Zu oft war er in den Schmutz gedrückt und bespuckt worden.
Er würde nicht weinen.
Er würde nicht wimmern.
Er würde nicht schreien.
Er war oft geschlagen worden und es würde wieder passieren. Das war nichts Neues. Es war nur ein Teil seines leidigen Lebens, seiner widerlichen Entschuldigung einer Existenz. Er war von Geburt an aufgegeben worden und lebte jetzt sein Leben als unerwünschter Schandfleck in einer vor Unrat überquellenden Stadt. So war die Welt nun einmal, nicht wahr?

Als sie damit fertig waren ihn zu Brei zu schlagen, war sein Mund geschwollen und sein Kopf pochte unerträglich laut. Er wollte seinen Angreifern etwas beleidigendes hinterher schreien, doch aus seiner trockenen Kehle kam nur ein knurrendes Gurgeln. Er konnte Neal lachen hören und sah wie er seine großen Stiefel an den Schnürsenkeln baumeln ließ.
Er setzte sich erst auf, als sie weg waren. Seine Füße waren nackt, und sein Augenlicht beeinträchtigt; trüb und rot von Blut verschmiert. Der Geschmack in seinem Mund war bitter vom Blut und Schmutz und zerrissener Haut. Er griff sich wimmernd um seinen schmerzenden Brustkorb, während er versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Er zitterte und atmete schwer.
Es war viel zu dunkel um alleine in dieser Gasse zu sein. Vor allem in seinem Zustand.
Marlon kämpfte sich auf wackligen Beinen vorwärts und tastete sich an einer Wand entlang, die ihm immerhin etwas Halt gab. Seine Fingernägel gruben sich fest in den Backstein.
Böen von eisigem Wind peitschten ihm ins Gesicht und seine nackten Füße waren schon lange taub. Er war verblüfft, wie sterblich er sich fühlte. Das letzte Mal, dass er sich so zerbrechlich gefühlt hatte, war, als er noch auf der Straße gelebt hatte. Und das war eine lange verblasste Erinnerung, fern und verschwommen.
Er hatte so lange im Waisenhaus gelebt, dass es seltsam und surreal war daran zu denken, jede Nacht gegeißelt von nacktem Terror in der Kälte zu verbringen. Und darüber hinaus, war er noch so jung gewesen, dass er heute gar nicht mehr begriff, wie er das überhaupt gemacht, geschweige denn überlebt hatte.
Als er den Eingang des St. George erreichte verließen ihn schließlich seine Kräfte. Er ließ sich auf den steinernen Treppen nieder und schloss die Augen.
Marlon erwachte erst durch das unsanfte Schütteln Miss Harmons und die schrillen Stimmen der anderen Kinder. In das Tuscheln und Wimmern mischte sich das Weinen von Rosie. Oder Hilde. Er war sich nicht sicher.
Marlon öffnete die Augen. Die Gesichter vor ihm waren eine schwebende weiße Unschärfe im Dämmerlicht der kalten Winternacht.
„Was ist passiert?“, keuchte eine Stimme. Das war Elias. Aber Marlon konnte nicht sprechen. Er zuckte nur mit den Schultern und griff blind nach dem Stoff von Elias' Jacke. Jeder Atemzug brannte in seiner Lunge wie Feuer und er fühlte sich benommen, als Miss Harmon und Elias ihm auf die Beine halfen. Sie brachten ihn unverzüglich in das Bad im Erdgeschoss, wo Harmon die übrigen Kinder an der Tür tadelte und zu Bett schickte, ehe sie sie ihnen vor der Nase zuschlug.
Marlon stöhnte schmerzverzerrt als er sich den Kopf mit klammen Fingern hielt.
Miss Harmon war derweil damit beschäftigt ein heißes Bad einzulassen, heiße Wickel zu beschaffen und Tee zu kochen – und das alles gleichzeitig, was ihr mehr schlecht als recht gelang.
Wie ein aufgescheuchtes Huhn lief sie also kreuz und quer, und jammerte und weinte etwas und betete währenddessen leise flüstern vor sich hin.
„Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder“, klang es aus der Empfangshalle.
„Laut“, stöhnte Marlon murmelnd. „Zu hell“, wimmerte er und rieb sich die Augen.
Elias schnippte mit den Fingern. „Marlon, hör zu. Du musst mir nur auf ein paar Sachen antworten. Ich muss sicher gehen, dass du keine Gehirnerschütterung hast.“ „Gehirn – was?“, antwortete Marlon träge. „Wie ist mein Name?“ Marlon runzelte die Stirn und blinzelte durch seine geschwollenen Augenlider hindurch. „Elias?“ Elias nickte bestätigend. „Gut“, erwiderte er. „Wie alt bist du?“, fuhr er fort. „Zehn.“ „Gut“, wiederholte Elias. „Wie lautet dein Nachname?“ Marlon hielt für einen Moment inne. „Ich habe keinen Nachnamen du blödes Arsch –“, Elias hob beschwichtigend die Hände. „Schon gut, schon gut“, sprach er und lächelte sanft.
„Bastard“, nuschelte Marlon. Er spürte einen stechenden Schmerz in seinem Kiefer.
„Mach den Mund auf“, sagte Elias. „Ich will sehen, ob mit deinen Zähnen alles in Ordnung ist.“
Vor seinem geistigen Auge sah Marlon die vielen Zahnlücken Edrics und er schauderte bei dem Gedanken daran, dass sein Gebiss auch nur halb so schlimm aussehen könnte.
„Lächeln“, sagte Elias herrisch. Marlons Lippen waren taub. „Ich glaube nicht, dass ich das kann.“ „Versuch es“, erwiderte Elias. Marlon fletschte seine roten Zähne. Der Schmerz, der durch seinen Schädel schoss, war gellend. „Nun“, Elias räusperte sich. „Das ist ein erschreckender Anblick.“
„Halt den Rand“, knurrte Marlon röchelnd. „Aber gute Nachrichten, deine Zähne sind alle in